Lust und Frust des Augenblicks: Sonny Rollins

28. November 2008, 12:03
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Der Saxofon-Meister hat mit "Road Shows Vol. 1" eine Sammlung von Live-Momenten von 1986 bis 2007 veröffentlicht

Grandiose alte Zeit trifft fragile Gegenwart


Allzu viele maßstabsetzende Jazzer, jene also, die seit den 50er- und 60er-Jahren Gewichtiges und Nachhaltiges vollbracht haben, sind nicht mehr zugegen. Immerhin: Rüstige Senioren wie Pianist Cecil Taylor, Saxofonisten Ornette Coleman, Wayne Shorter und Archie Shepp wie auch Pianist Herbie Hancock (steuert immerhin auch rasant den 70er an) agieren auf der Höhe ihrer Kunst. Besonders schön aber, dass Tenorsaxofonist Sonny Rollins, eine der komplexen Jazzseelen, sich noch in der Szene bewegt. Als Teil dieser Runde von Zeitzeugen.

Der Mann ist 78, er konzertiert aber, wenn die Veranstalter sich ihn leisten können, durchaus gern; und er hat nach wie vor auch die Möglichkeit, seine Ideen CD-mäßig zu publizieren. Zumindest wird der Vertrieb seiner Sachen von einem Major Label (Universal) übernommen, was globale Reichweite garantiert. Und es geht weiter. Nun kam es auch zu einer schönen Bergung von Jazzgut. Offenbar ist reichlich Material vorhanden, das Live-Momente aus verschiedenen Jahrzehnten des Schaffens von Rollins dokumentiert. Als Road Shows Vol. 1 wurde nun ein Sammelsurium von Echtzeit-Musik (zwischen 1986 und 2007) veröffentlicht. Rollins selbst hat das Material selektiert.

Schöner Anspruch

Live-Momente sind gerade im Falle des New Yorkers eine ganz besondere Sache. Der Tenorist gehört zu jenen seltenen Jazzern, denen der Augenblick der Improvisation als - sagen wir - heilig gilt. Als jenen Moment, in dem Besonderes, möglichst Einmaliges zu passieren hat. Ein solcher Anspruch, so segensreich er für den Hörer ist, so belastend wirkt er auf den Musikus. Er hat stressige Folgen, die man auch anhand der Biografie von Rollins begutachten kann. Der Mann hatte in den 50ern seine erste große Zeit (samt zu überwindender Drogensucht); mit "Saxophone Colossus" hat er seine Stellung als gewichtigster Postbop-Saxofonist zementiert. Mit ganzen 26. Doch dann das: Er entdeckte an sich die Unlust, seine Erfolge und Ideen nur zu verwalten. Der Selbstzweifler zog sich das erste Mal aus der Szene zurück, es ging ihm ums Neuorientieren. Rollins fand, dass für ihn alles zu schnell zu hoch hinauf gegangen war. Zur Legende: Da das Üben eine gewisse Lärmirritation der Nachbarn bewirkt hatte, begann er unter der Williamsburg Bridge in New York zu üben. 1961 war seine erstes Comeback, 1966 zog er sich wieder zurück.

Die nun vorliegende Sammelaufnahme macht Freude: Sie zeigt, wie ein Könner während eines Solos Spannung zu halten versteht, Ideen entwickelt. Auch während die Band schweigt, inszeniert er in einer Mischung aus schnittiger Linie, derber Tonbehandlung, Humor und Gefühl für Intensität Jazz als Kunst des Spontanen. Produktive Monologstrecken sonder Zahl. Das Ganze schließt mit einer Ballade: "Some Enchanted Evening" bringt insistente Schmerzenstöne, kompakt und fragil zugleich. Vielleicht eine Art Reifestil, der mehr auf Ambivalenz der Emotion und weniger auf virtuose Demonstration Wert legt. 2009 ist Sonny Rollins beim Salzburger Jazzherbst zu hören. Hoffentlich in dieser Form. Und hoffentlich wird diese CD-Reihe fortgesetzt. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.11.2008)

 

Road Shows Vol. 1 (Universal)

  • Reifestil - aber nicht ohne Humor: Meister Sonny Rollins.
    foto: universal

    Reifestil - aber nicht ohne Humor: Meister Sonny Rollins.

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