"Die meisten setzen die Rede in den Sand"

30. November 2008, 16:50
40 Postings

Anleitung zur garantiert schlechten Weihnachtsrede - Oder: Wie man Mitarbeitern den Dank zukommen lässt, der ihnen gebührt - Mit Download

"...Wieder geht ein arbeitsreiches Jahr zu Ende. Ein Jahr, in dem es einige große Schritte vorwärts gab...", so oder so ähnlich werden heuer wieder zahlreiche Weihnachtsreden beginnen. An Österreichs Chef- oder Assistentenschreibtischen wird wieder an der alljährlichen Weihnachtsrede gefeilt.

Damit die Rede vor den Mitarbeitern nicht ins Leere oder gar in die falsche Richtung geht, gilt es ein paar einfache Grundregeln zu beachten. Denn die weihnachtliche Rede kann ein gutes Instrument zur Mitarbeitermotivation sein - vorausgesetzt, sie ist gut formuliert. "Diese Möglichkeit wird aber von den meisten in den Sand gesetzt", weiß Unternehmensberater und Rhetoriktrainer Stefan Gössler. Dabei ergibt sich selten die Gelegenheit, ohne konkreten Auftrag zu den Mitarbeitern zu sprechen und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit zu genießen.

Kurze Anleitung für die schlechteste Rede

"Einige Seiten dicht beschriebenen Text vorbereiten, vom Blatt lesen und noch dazu so reden wie geschrieben, garniert mit formelle Floskeln wie 'verehrte Festgäste, verehrtes Direktorium' - all das sollte ein Chef beachten, wenn er das Rennen um die schlechteste Rede gewinnen will", sagt Gössler mit einem Augenzwinkern.

Er hat noch weitere Tipps in petto: bloß nichts auslassen, denn ein Jahr ist lang und die Rede daher auch, bloß nicht loben um die Mitarbeiter nur ja nicht zu motivieren und jede Menge Zahlen und Fakten präsentieren. Und will man ganz besonders schlecht sein, kann man auch noch verdeckte Botschaften einflechten. "Erst wenn sich jeder im Raum fragt, ob er mit den Vorwürfen gemeint ist, haben Sie wahre Weihnachtsstimmung verbreitet", zeichnet der Rhetoriktrainer das worst case Szenario.

Verbotene Genüsse

Abgesehen vom Inhaltlichen, gilt es Selbstverständliches, aber nicht immer Ernstgenommenes vor der Rede zu beachten: "Finger weg vom ermutigenden Gläschen Alkohol vor der Ansprache - das macht die Stimme schwer", weiß Gössler. Denn das Mikrophon verstärkt stimmliche Probleme umso gnadenloser. Auch andere Konsumgüter seien zu meiden: Nikotin und Schokolade nehmen die Flüssigkeit im Mund.

Der Einstieg

Am Beginn einer Weihnachtsrede kann ein passendes Zitat stehen. Ein Klassiker ist auch der Rückblick als rhetorisches Instrument - zwar nicht die kreativste Methode, aber eine bodenständige und strukturierte. Auch eine philosophische Note oder Humor bieten sich für den Einstieg an.

Dankeschön an die Gemeinschaft

"Eine gute Rede braucht nicht mehr als drei bis sieben Minuten", sagt Gössler. Pro Minute kalkuliert er ungefähr 150 bis 180 Worte. Als Einstieg eignen sich Anekdoten oder Zitate gut.
Anfang und Ende liegen thematisch nahe beieinander: "Meist kommt zu Beginn ein 'Danke', am Ende der Ausblick. Dazwischen liegt eine sehr konkrete Botschaft." Wichtig ist, dass das "Wir" bei der Weihnachtsrede im Vordergrund steht, der Redner sollte sich selbst nicht in den Vordergrund rücken. Wertschätzung sollte konkret und klar ausgedrückt werden. Kern der Rede bilden Dank für die Erfolge und Motivation für kommende Aufgaben.

Die Frage der Kritik

"Man sollte sich bewusst sein, dass die Belegschaft kurz davor ist, 14 Tage auf Urlaub zu gehen und über die gesprochenen Worte in Ruhe nachdenken wird", warnt Gössler davor den Fehler zu begehen, Kritik in die große Gruppe zu werfen. Zwar sollte man keine Angst davor haben Kritisches zu äußern, weil die Rede ja ehrlich sein soll, aber es sei besser konkrete Probleme anzusprechen und auch einen guten Ausblick zu geben. "Für konkrete Verbesserungsvorschläge sind schließlich die Mitarbeitergespräche da", so Gössler.

Neben Kritik sollte man es aber auch mit Lob nicht übertreiben: "Einzelpersonen herauszugreifen und zu loben, ist ein absolutes Tabu", so der Trainer. Da tue man dem Gelobten nichts Gutes unter Kollegen, denn die Neidspirale könne nur allzu leicht in Gang gebracht werden. (mat, derStandard.at, 1.12.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die alljährliche Weihnachtsrede vor der Belegschaft ist heikel und wird von den Mitarbeitern meist kritisch hinterfragt

  • Varianten für den Einstieg in die Rede

    Download
Share if you care.