"Diskussionen, die grünem Gutmenschenbild widersprechen"

28. November 2008, 09:07
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Grünen-Bildungssprecher Walser über Schulkinder, die kein Deutsch sprechen und neue Mittelschulen, die mit der Gesamtschule nichts zu tun haben - Ein derStandard.at-Interview

Er selber komme aus der "heilen Bildungswelt", meint Harald Walser. "Uraltes, traditionelles Gymnasium, Humanismus hier, Humanismus da". Mit derStandard.at sprach der grüne Bildungssprecher über Herausforderungen im Bildungsbereich: Sanktionen zur Durchsetzung der Kindergartenpflicht, den misslungenen Versuch der "neuen Mittelschule" und das "Vermittlungsproblem" der Grünen. Die Fragen stellte Anita Zielina.

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derStandard.at: In Vorarlberg sind besonders viele Schulen interessiert an der neuen Mittelschule, mehr als in anderen Bundesländern. Warum ist das so?

Harald Walser: Das hängt damit zusammen, dass nicht in erster Linie die Schulen so großes Interesse haben, sondern der Landesrat Stemer. Es gibt bei uns in Vorarlberg viel zu wenige Gymnasialplätze, weniger als in anderen Bundesländern. An meiner Schule etwa war es so, dass nur SchülerInnen mit einem einzigen Gut im Zeugnis aufgenommen werden konnten. Daher steht der Landesrat der ÖVP politisch unter Druck: Die Eltern wollen unbedingt zusätzliche Plätze, die Bürgermeister, die seit Jahren die Hauptschulen ausgebaut haben, sind dagegen. Was tun?

Jetzt macht man etwas, was man Vorarlberger Mittelschule nennt. Und das ist trotz großen Engaments vieler Lehrerinnen und Lehrer gescheitert. Derzeit schaut es so aus, dass die Hauptschulen und eine Partnerschule, etwa auch berufsbildende Oberstufen, jeweils vier Halbtage miteinander ein gemeinsames Projekt machen. Mit einer Gesamtschule hat das nichts zu tun.

Ich persönlich bin daher auch aus der Arbeitsgruppe für die Vorarlberger Mittelschule ausgestiegen, weil ich für so ein Projekt nicht zur Verfügung stehe.

derStandard.at: Sehen Sie die Neue Mittelschule generell als gescheitert an, oder betrifft das nur Vorarlberg?

Walser: Ich sehe es generell jedenfalls sehr sehr kritisch. Es kann nicht zu einem Gymnasium und einer Hauptschule als quasi dritten Typ noch so eine "neue" Mittelschule geben. Wenn, dann sollen bitte in einer Region alle SchülerInnen in einer gemeinsamen Schule unterrichtet werden. Das, was jetzt bei einer Evaluation herauskommen kann, wird nie ein repräsentatives Ergebnis sein, weil es eben keine echte gemeinsame Schule ist.

derStandard.at: Sie gehen also nicht davon aus: Besser ein bisschen gemeinsame Schule als gar keine gemeinsame Schule?

Walser: Ganz im Gegenteil. Ich fürchte, dass wir eigentlich gerade ein dreigliedriges System installieren, und die Vorteile kann ich nun wahrlich nicht erkennen. In Deutschland sind gerade Detailergebnisse der PISA-Studie präsentiert worden, die zeigen, dass dort, wo man dreigliedrige in zweigliedrige Systeme umgewandelt hat, die Ergebnisse markant besser sind. Sollen wir jetzt den umgekehrten Weg beschreiten?

derStandard.at: Die neue Mittelschule wäre also dann ein Rückschritt?

Walser: Ich sehe zumindest den Fortschritt nicht. Das Konzept wäre ja in Ordnung, aber die Umsetzung ist sehr mangelhaft.

derStandard.at: Thema kostenloses und verpflichtendes letztes Kindergartenjahr: Begrüßen sie das?

Walser: Prinzipiell ist alles zu begrüßen, was in diesen zentralen Bereich hinein investiert wird. Die Investition in den vorschulischen Bereich ist die mit Abstand effizienteste. Nur: Was ich momentan so höre, geht es ja nur um ein halbtägiges kostenloses Kindergartenjahr. Und das, bitte, kann es nicht sein. Wir brauchen es verpflichtend für zumindest zwei Jahre, aber wir brauchen es auch ganztags mit entsprechender Sprachförderung.

Leider haben die Rechtspopulisten mit einem recht: Es kann nicht sein, dass wir Kinder haben, die schon Ewigkeiten in Österreich leben, dann in die Volksschule kommen und nicht Deutsch können. Wir rauben diesen Kindern Chancen, die sie nie wieder erhalten. Wir produzieren damit die künftigen soziale Probleme. Da muss etwas passieren.

derStandard.at: Wären auch Sanktionen sinnvoll, um die Kindergartenpflicht umzusetzen?

Walser: Ich denke natürlich, dass man ähnlich wie bei der Schulpflicht auch Sanktionen vorsehen muss, ja.

derStandard.at: Was tut man mit den Jugendlichen, die schon lange da sind, bei denen die Frühförderung nicht mehr greift? Die Wiener Bildungssprecherin der Grünen, Susanne Jerusalem, hat gemeint, man müsse etwas gegen "Ghetto-Bildung" in gewissen Schulen tun. Wie?

Man muss sich das von Fall zu Fall anschauen. Aber von der Tendenz her ist es ganz klar: Wir brauchen einen Austausch, eine Möglichkeit, Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen zu überwinden. Die Lösungen, die sich in Wien aufdrängen, werden andere sein als in Vorarlberg oder im Waldviertel. Je nachdem, wie weit die Wege sind, ob man Kinder in eine andere Schulen schicken kann oder nicht. Darüber hinaus wird man durch zusätzliche Angebote wie Förderunterricht, Schulsozialarbeit, Beruf- und Rechtsinformation die Situation entschärfen und den Jugendlichen bessere Zukunftschancen bieten können.

derStandard.at: Viele Jugendliche haben diesmal die Grünen nicht gewählt, sondern sich für FPÖ oder BZÖ entschieden. Was ist Ihre Erklärung?

Walser: Jedenfalls ist es so, dass wir uns da selber an der Nase nehmen müssen. Wir haben ganz offenkundig ein Vermittlungsproblem. Wir sind nicht mehr als Opposition wahrgenommen worden, haben uns vielleicht selber viel zu stark in Koalitionsdiskussionen hineintreiben lassen, statt den inhaltlichen Kick zu setzen. Da haben wir sicher Lernbedarf als Partei. Wir dürften auch Diskussionen nicht scheuen, die vielleicht dem grünen Gutmenschenbild widersprechen.

derStandard.at: Wie wollen Sie als Bildungssprecher damit umgehen?

Walser: Ich komme natürlich aus der heilen Bildungswelt. Uraltes, traditionelles Gymnasium, Humanismus hier, Humanismus da. Da gibt es natürlich wenig Probleme. Wir müssen den Schwerpunkt im Bereich der bis zu 14-Jährigen setzen, unser Hauptaugenmerk muss die Stärkung der Sprachkompetenz der Kinder sein - übrigens nicht nur jener mit migrantischem Hintergrund. Und wir brauchen eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen, die beides erfüllt: Förderung der Schwachen und Fordern der Begabten. (Anita Zielina, derStandard.at, 28.11.2008)

Zur Person

Harald Walser ist seit 2003 Direktor am Gymnasium Feldkirch, wo er seit 1978 unterrichtet. Er war Spitzenkandidat der Grünen Vorarlberg für die vergangenen Nationalratswahl. In der zukünftigen Legislaturperiode sitzt Walser als Bildungssprecher der Grünen im Nationalrat.

  • "Ich fürchte, dass wir eigentlich gerade ein dreigliedriges System
installieren, und die Vorteile kann ich nun wahrlich nicht erkennen".
    foto: grüne

    "Ich fürchte, dass wir eigentlich gerade ein dreigliedriges System installieren, und die Vorteile kann ich nun wahrlich nicht erkennen".

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