Geheimdienst-Prognosen

26. November 2008, 19:28
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Der französische Philosoph Edgar Morin meinte einmal, jede Umwälzung nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine Überraschung gewesen

Waren die kürzlich im Kosovo verhafteten drei deutschen Staatsbürger Agenten des Bundesnachrichtendienstes, die angeblich in einen Sprengstoffanschlag auf den Sitz der Internationalen Verwaltungsbehörde verstrickt gewesen sein sollen? Haben die in Georgien stationierten 130 US-Militärberater von den russischen Vorbereitungen für einen Gegenangriff aus Südossetien in Richtung Georgien nicht gewusst oder die russischen Absichten falsch eingeschätzt? Profitiert das islamistische Terrornetzwerk Al-Kaida von der Illoyalität der Geheimdienstler im Tollhaus Pakistan? Kann man nach dem Desaster der Einschätzungen bei der Invasion des Iraks an die Stabilität des neuen gespaltenen Regimes nach dem Abzug der US-Truppen glauben?
Bekanntlich hat die Umfeldaufklärung der deutschen Bundeswehreinheiten 2003 bei den blutigen albanischen Angriffe gegen die serbische Minderheit in einem entlegenen Winkel des Balkans ebenso versagt wie die mit modernsten technischen Mitteln ausgestatteten CIA-Agenten seinerzeit in Afghanistan oder Iran.

Der französische Philosoph Edgar Morin meinte einmal, jede Umwälzung nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine Überraschung gewesen: der Koreakrieg, der Tito-Stalin-Konflikt, die chinesische Auflehnung gegen die Sowjet-Hegemonie, der Ungarnaufstand 1956, der Sturz Ceauºescus und Chruschtschows und der Fall der Berliner Mauer.
Die legendären amerikanischen Geheimdienste, die so lange mit praktisch unbegrenzten Budgets operieren konnten, sahen weder die Anschläge vom 11. September voraus, noch den Triumphzug jenes islamistischen Fundamentalismus, der dem vielzitierten Traum von einem "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama über den Endsieg der Demokratie 1992) den Garaus machen würde. Jeder aufmerksame regelmäßige Leser der Neuen Zürcher oder der FAZ hätte die meisten Informationen, die die diversen Aufklärer ihren Chefs in höchst geheimen Depeschen meldeten, wohl auch wissen und möglicherweise besser einordnen können.
Angesichts so vieler Fehlkalkulationen - von Vietnam bis Irak, von der Ukraine bis Iran - kann man die in mehreren Zeitungen mit großem Aufwand berichtete jüngste Weltprognose bis zum Jahr 2025, die vom Geheimdienstrat, der gemeinsamen Denkfabrik der diversen US-Geheimdienste, erstellt wurde, wohl mit Skepsis betrachten.

Die alle vier Jahre fertiggestellte Prognose ist entweder voll von Horrorszenarien (Kriege um Energiequellen, Wasser und Nahrung) oder von Banalitäten über den (längst erwarteten) Aufstieg Chinas, Indiens, Russlands und Brasiliens. Dass "mehr Wandel als Kontinuität" bis zum Jahr 2025 vorausgesagt wird, mag samt düsteren Prognosen über weltweite Wanderungen (200 Millionen Menschen!) und unkontrollierbare Spannungen zwischen Arm und Reich wohl auch unter einem Präsidenten Obama Argumente für die Existenzberechtigung der kostspieligen Geheimdienste liefern.
Es wäre vielleicht zielführender, uns an die klugen, im Jahr 1937(!) veröffentlichten Worte des großen französischen Dichters Paul Valéry zu erinnern: "Wir gehen rückwärts in die Zukunft ... es gibt in uns eine Krise des Unvorhergesehenen."

 

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