Von wahrem und falsch verstandenem Charisma

26. November 2008, 19:28
5 Postings

Wider die zunehmende Inflationierung eines Begriffs im Hinblick auf den akuten Zustand des höheren österreichischen Staatspersonals - Von Oliver vom Hove

Je jämmerlicher sich in diesen Wochen vor der Regierungsbildung das höhere Staatspersonal dargestellt hat, desto tiefer stapeln sich jetzt die Erwartungen der Bürger an ein Bewusstsein, geschweige die Qualifikation für politischen Weitblick und geistige Gestaltungskraft. Im Ökonomenjargon wird fortwährend "Leadership" und "Krisenmanagement" beschworen, als seien für die Grundumgestaltung politischer Kultur nur Rangiermeister-Fähigkeiten nötig, nicht Ideenreichtum, Visionen, intellektuelle Auseinandersetzung, kurz: charismatische Führungskraft.

Selbst die Begriffe sind verwahrlost. Einen "charismatischen Politiker mit Leib und Seele" hat der evangelische Kärntner Superintendent Manfred Sauer den im Leben wie im Sterben als skrupellos in Erscheinung getretenen Landeshauptmann Jörg Haider in einem "Hirtenbrief" genannt. Die deplatzierte Politikerwürdigung aus Seelsorgermund markiert den vorläufigen Höhepunkt der inflationären Verwendung des Begriffs "Charisma" . Bei dem Kärntner Kirchenmann wäre vorauszusetzen, dass ihm die ursprüngliche religiöse Bedeutung als "Gnadengabe" bekannt ist. Denn Charismatiker waren gemäß Überlieferung von der Offenbarung Begnadete: "In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, sie werden in neun Sprachen reden, werden Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden" , zählt der Evangelist Markus (16,17-18) auf. Also just in allen Punkten das, was Jörg Haider nicht vergönnt war. Ganz im Gegenteil: Dämonen wurden angelockt und Sprachen außer Kärntendeutsch abgedrängt, Schlangen stiegen in Ministerämter auf, und der tödliche Trunk verfehlte seine Wirkung mitnichten.
Trotzdem kann Michael Bünker, Österreichs oberster evangelischer Glaubenshüter, Gertraud Knolls folgerichtigen Kirchenaustritt gedanklich "nicht nachvollziehen" . Dabei hätte er sich bibelfest schon bei Markus 13,22 betroffen fühlen müssen: "Denn es werden sich erheben falsche Christi und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, dass sie auch die Auserwählten verführen, so es möglich wäre."

Nein, Volksaufwiegler und Elitenverführer hatte Max Weber nicht vor Augen, als er vor neunzig Jahren, religionsgeschichtliches Wissen auf die profane Ebene der Politik projizierend, "Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß" als die Grundvoraussetzungen "charismatischer Herrschaft" benannte. Es sind jene Sekundärtugenden, die Barack Obama einen Gutteil seines Wahlerfolgs zugetragen haben und die hierzulande dem politischen Personal nahezu gänzlich zu fehlen scheinen: Leidenschaft, laut Max Weber "im Sinn von Sachlichkeit: leidenschaftliche Hingabe an eine ‚Sache‘" , die freilich nicht ausreicht, "wenn sie nicht ... auch die Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht." Und selbst das Augenmaß wahrt nach Max Weber den kühlen Blick intellektuellen Abstands, nämlich als "Distanz zu den Dingen und Menschen" : So quittierte Barack Obama die hysterische Wahlkampfunterbrechung John McCains wegen der Finanzkrise mit der lakonischen Bemerkung: "Präsidenten müssen mit mehr als einer Sache gleichzeitig fertigwerden können."

Das erklärt freilich nicht jenes besondere Fluidum, das Theaterleuten als ungekünstelte "Präsenz" des Darstellers auf der Bühne, als potenzierte Energie und authentische Vermittlung der Persönlichkeit nur allzu bekannt ist: "Persona" war nicht von ungefähr in der antiken Tragödie die individuelle Menschenstimme, die durch die Maske durchtönte ("per-sonare" ). Mimen wissen, dass diese Authentizität nur zu einem Teil einzulernen ist. Ein anderer, nicht geringer Teil ist "Gnadengabe" der Natur. Indes: Ein Schauspieler sucht einen Charakter darzustellen, ein Politiker muss ihn selber aufweisen. "Charisma" ist somit, auch in Max Webers Verständnis, ein Bonus emotionaler Glaubwürdigkeit, mit innerer Festigkeit und äußerer Gelassenheit erworben und durch kommunikative Begabung besiegelt.
So weit das Idealbild. Was wir indes seit Max Webers Postulaten immer wieder als vorgeblich "charismatische Führer" vorgesetzt bekommen, sind in der Regel nur bissfeste Leitwölfe, die mit dem Rudel zu heulen verstehen und um keinen Preis Führungsschwäche zeigen dürfen, sonst werden sie von ihren Adepten zerrissen. Das bedrohliche Murren ist schon vernehmbar, wenn einem der Rudelführer die Eigenschaft eines "Alphatiers" abgesprochen wird. Aber leben wir in einem wölfischen Zeitalter?

Der Philosoph Peter Sloterdijk befürchtet es, er sieht eine "Herrschaft der Wölfe" heraufziehen. Hierzulande, wo sich die Parteigremien zum nicht geringen Teil aus leidenschaftlichen Waidmännern und Fallenstellern rekrutieren, werden die Anforderungen an glaubwürdige Politiker noch immer vorzugsweise mit Analogien aus dem Tierreich belegt, gerade so, als sei unsere Zivilisationsgeschichte nicht erfunden worden, um solche Kräfte zu korrigieren. So beschränkt sich denn das "Charisma" mancher bodenlosen Provinzpolitiker hier auch auf den puren Machtinstinkt und das lautstarke Heulen zur Verteidigung des eigenen, eng umzäunten Herrschaftsreviers. Das Ergebnis liegt offen zutage: Kleinräumige Parzellierung der politischen Landschaft. Keine Maßgaben für geistig anspruchsvolle, das Allgemeinwohl mit Zukunftsblick gestaltende Reformen. Keine Spur von "charismatischer Herrschaft" . (Oliver vom Hove/DER STANDARD-Printausgabe, 27. November 2008)

Oliver vom Hove, Publizist und Literaturkritiker, war u. a. Dramaturg am Burgtheater und am Schauspielhaus Zürich sowie stellvertretender Direktor des Wiener Volkstheaters

Share if you care.