China lässt die Geldzügel schleifen

26. November 2008, 19:15
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Die chinesische Notenbank senkt den Leitzins um mehr als ein Prozent. Die weltweite Finanzkrise senkt auch Chinas Wirtschafts­wachstum und wirft soziale Fragen auf

Die chinesische Notenbank senkt den Leitzins um mehr als ein Prozent - so stark wie seit der Asienkrise 1997 nicht mehr. Die weltweite Finanzkrise senkt auch Chinas Wirtschaftswachstum und wirft soziale Fragen auf.

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Peking - Die chinesische Regierung stemmt sich mit aller Macht gegen einen Einbruch der weltweit viertgrößten Volkswirtschaft. Die Notenbank des Landes senkte am Mittwoch bereits zum vierten Mal innerhalb von nur zwei Monaten die Zinsen. Der für die Geldversorgung der Banken entscheidende Satz rutschte dabei in einem ungewöhnlich großen Schritt um mehr als einen Prozentpunkt auf 5,58 Prozent. Zudem müssen die Banken weniger Geld bei der Zentralbank hinterlegen und können so mehr Kredite vergeben. Anfang November hatte die Regierung bereits ein Konjunkturprogramm auf den Weg gebracht - im Wert von mehr als 450 Milliarden Euro.

Wegen der globalen Wirtschaftsflaute dürfte das Wirtschaftswachstum in China laut Weltbank im 2009 nur noch 7,5 Prozent betragen - solch niedrige Wachstumsraten hatte es im Reich der Mitte seit 1990 nicht mehr gegeben.

Normalerweise bewegt die People's Bank of China (PBOC) ihren Schlüsselzins nur in Schritten von jeweils rund einem viertel Prozentpunkt. Ähnlich deutlich wie jetzt hatte die PBOC den Leitzins zuletzt im Herbst 1997 während der Asienkrise gekappt. Experten rechnen in den kommenden Monaten mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik in China. Qu Hongbin, Chefökonom für China bei der global agierenden Bank HSBC, erwartet im nächsten halben Jahr weitere Zinssenkungen von bis zu 2,5 Prozent.

Experten überrascht

Ökonomen äußerten sich überrascht über den deutlichen Schritt der chinesischen Geldpolitiker. "China rettet sich selbst", sagte Patrick Bennett von Société Générale. China zeige "Führungsstärke" im Umgang mit der Krise, die mittlerweile auch immer mehr Schwellenländer in Mitleidenschaft ziehe. "Das war ein richtiger Schritt. Die Chinesen machen das, was man in diesen Zeiten tun sollte, nämlich die staatlichen Ausgaben erhöhen und die Zinsen herunter nehmen."

Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), zollte China Respekt für die kräftige Zinssenkung und nannte den Schritt angemessen. China hatte sich Anfang Oktober erstmals an einer gemeinsamen Aktion der großen Notenbanken der Welt beteiligt und zusammen mit der Fed in Washington, der (EZB) und anderen die Leitzinsen gekappt.

Protest gegen Entlassung

Während in China sowohl Fiskal- und auch Geldpolitiker die Wirtschaft vor einem weiteren Abschwung bewahren wollen, kommt die vorwiegend exportierende Industrie von einer anderen Seite unter Druck. In der südlichen Provinz Guangdong haben am Dienstag hunderte Arbeiter gegen ihre Entlassung und für eine Abfindung protestiert. Dabei ist es zu schweren Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Nach offiziellen Angaben wurden sechs Personen verletzt.

Ein Großteil der Arbeiter war zuvor bei einer Spielzeugfabrik abgestellt gewesen. Mehr als die Hälfte aller Exporteure in dieser Branche musste in den letzten sieben Monaten zusperren. Die Fabrik in Guangdong hat wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage mehr als 350 Arbeiter entlassen. (Reuters, AFP, sulu, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.11.2008)

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    Die Politik in China reagiert mit großen Schritten auf die globale Finanzkrise. Die Zinsen wurden so stark wie seit 1997 nicht mehr gesenkt. Das soll den Abschwung verhindern.

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