"Es ist in Deutschland nicht alles so dunkel"

26. November 2008, 19:00
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Die Deutschen wollen trotz düsterer Aussicht konsumieren, sagt Konjunktur-Experte Christian Dreger im STANDARD-Interview

Die Deutschen wollen trotz düsterer Aussicht konsumieren, sagt Konjunktur-Experte Christian Dreger und erklärt Birgit Baumann, warum nicht wieder fünf Millionen ohne Job sein werden.

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STANDARD: 2005 waren in Deutschland fünf Mio. Menschen arbeitslos. Kann das wieder passieren?

Dreger: Das denken wir nicht. Zwar ist die Rezession jetzt amtlich, aber die Wirtschaft schrumpft von einem hohen Niveau aus. Außerdem ist der Arbeitsmarkt mittlerweile deutlich flexibler geworden.

STANDARD: Den Exportweltmeister trifft die Rezession besonders hart.

Dreger: Es ist in Deutschland nicht alles so dunkel. Der Exportdelle bei den USA und der EU steht die insgesamt noch gute Entwicklung in Schwellenländern wie China und Indien gegenüber. Deutsche Exporteure sind dort stark aufgestellt. Man darf auch die Binnenkonjunktur nicht vergessen.

STANDARD: Glauben Sie nicht, dass jetzt eher ängstlich gespart wird?

Dreger: Im letzten Aufschwung entstanden 1,5 Millionen Jobs, die Löhne stiegen 2008 erheblich. Dieser Kaufkraftzuwachs wurde nur deshalb nicht in höheren Konsum umgesetzt, weil die Inflation angezogen hat. Mittlerweile bildet sich diese, insbesondere infolge der sinkenden Ölpreise, zurück. Das entspricht einem Konjunkturprogramm von 25 Milliarden Euro. 2008 sparten die Deutschen schon sehr viel, aber beim Konsum gibt es noch gewissen Nachholbedarf.

STANDARD:  Durch Entlassungen geht doch auch Kaufkraft verloren.

Dreger: Da in Deutschland aber nach wie vor ein Mangel an Facharbeitern herrscht, werden Arbeitgeber qualifizierte Fachkräfte halten. Entlassungen werden eher Unqualifizierte betreffen. Diese kommen aber oft durch Transferleistungen des Staates wieder an ihr Erwerbseinkommen heran.

STANDARD: Welche Branchen profitieren eigentlich von der Krise?

Dreger: Maschinen- und Anlagebauer profitieren wohl nicht, werden sich aber besser als der Durchschnitt entwickeln, weil ihre Investitionsgüter oft Alleinstellungsmerkmale haben. Außerdem dürften sich Dienstleister und Hersteller von Verbrauchsgütern, die nicht auf den Export angewiesen sind, leicht positiv entwickeln.

STANDARD: Erlass der Kfz-Steuer, Gebäudesanierung - das Konjunkturpaket der Regierung bietet allen ein bisschen. Ist das richtig?

Dreger: Es ist gut gemeint, aber ein Sammelsurium an Einzelmaßnahmen. Man stockt Kredite für den Mittelstand auf, dabei haben wir in Deutschland gar keine Kreditklemme. Oder die Befreiung von der Kfz-Steuer: Besser, weil für Käufer planbarer, wäre es, die für 2011 geplante Umstellung der Kfz-Steuer auf Emissionen vorzuziehen.

STANDARD: Wäre eine Steuersenkung die richtige Antwort?

Dreger: Das wäre sicher sinnvoller, aber nur, wenn man gleichzeitig die große Linie konsolidierter öffentlicher Haushalte im Auge behält. Sonst werden die Spielräume immer weiter eingeschränkt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.11.2008)

 

 

 

Zur Person

Christian Dreger (49) ist Leiter der Konjunkturanalyse und -prognose am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

  • Christian Dreger
    foto: diw

    Christian Dreger

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