Die ältesten Schildkröten der Welt

26. November 2008, 19:07
16 Postings

In China wurden 220 Millionen Jahre alte Fossilien von "Halb-Panzerschildkröten mit Zähnen" entdeckt: Der spektakuläre Fund gibt Hinweise darauf, wie sich der einzigartige Panzer der Tiere entwickelt haben könnte

London/Peking - Nein, die Rede ist hier nicht vom biblischen Alter, das Schildkröten erreichen können. Vertreter der gepanzerten Tiere gelten ja als die ältesten Tiere überhaupt: Die 2006 verstorbene Galápagos-Schildkröte Harriet soll 176 Jahre alt geworden sein. Und ein gepanzerter Kollege im Zoo von Kalkutta hat bei seinem Tod angeblich gar 256 Lenze gezählt.

Die Rede ist nämlich von den ältesten Schildkrötenfossilien. Rekordhalter waren bislang Funde aus Deutschland, die auf rund 205 Millionen Jahre geschätzt wurden. Nun haben Forscher in China gleich drei Urschildkröten ausgegraben, die noch einmal rund 15 Millionen Jahre älter sind.

Die neu entdeckte Art, die längst ausgestorben ist, wurde von ihren Entdeckern Odontochelys semitestacea getauft, was "Halb-Panzer-Schildkröte mit Zähnen" heißt.

Das wiederum verweist auf ihre besonderen Charakteristika: Sie hat nur einen Bauch-, aber keinen Rückenpanzer. Und statt den scharfen Kieferleisten heutiger Schildkröten besaßen die Urschildkröten noch Zähne, wie Paläontologen von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking in der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" (Bd. 456, S. 497) schreiben.

Die halb gepanzerten Schildkröten aus China geben erstmals auch Hinweise darauf, wie das einzigartige Schutzschild der Reptilien einst entstanden sein könnte. Vermutet wird, dass der Panzer aus knöchrigen Verlängerungen und Verbreiterungen des Rückgrats und der Rippen entstanden sein könnte.

Einen Hinweis darauf lieferten die rückseitig stark verbreiteten Rippen. Dies sei einer der ersten Schritte zu einem vollständigen Rückenpanzer. Eine "zeitgenössische" Bestätigung ihrer Vermutung sehen die Paläontologen darin, dass der Panzer moderner Schildkröten während der Embryonalentwicklung im Ei auf die gleiche Weise gebildet werde.

Die Untersuchung der chinesischen Forscher stellt außerdem die erst kürzlich wieder geäußerte Annahme in Frage (vgl. "Proceedings of the Royal Society B" vom 18.11.), dass Schildkröten als Landlebewesen entstanden sind und sich erst später den Lebensraum Wasser erobert haben.

Odontochelys semitestacea jedenfalls schien in flachen Küstengewässern gelebt zu haben. Darauf deute der Fundort hin, aber auch der Bauchpanzer. Dieser habe die Tiere im Wasser vor Angriffen aus der Tiefe geschützt. Auf dem Land sei ein derartiger Schutzschild bei den eng am Boden lebenden Tieren nicht nötig gewesen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 27.11.2008)

  • Die urige Schildkröte von unten mit dem gut erkennbaren Bauchschild.
    foto: institute of vertebrate palaeontology

    Die urige Schildkröte von unten mit dem gut erkennbaren Bauchschild.

  • So könnten sich die Tiere im Meer bewegt haben.
    illu.: m. donnelly

    So könnten sich die Tiere im Meer bewegt haben.

Share if you care.