ORF-Kriegsdoku aus dem Bauch des Ungeheuers

26. November 2008, 18:24
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Maria Magdalena Koller stellt den Todesstoß gegen das k. u. k. Kriegsschiff "Szent István" in einer ORF-Dokumentation nach

Wien - "Alle sind erregt, aber anders ist es als vor einem Sturm bei der Infanterie." Der mitgereiste "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch erkannte an Bord des k. u. k. Flaggschiffs "S.M.S. Viribus Unitis" jedoch einen größeren Fatalismus: "Hier gibt es überhaupt keinen Einzelnen, es gibt nur einen Schiffskörper."

Diesen Eindruck bestärkt das beklemmende, 1918 für Propagandazwecke angefertigte Archivmaterial, das den Untergang des Großkampfschiffes "Szent István" dokumentiert. Die moderne Dreadnought-Klasse galt als Stolz der österreichisch-ungarischen Flotte.

Zumindest bis das Großkampfschiff torpediert und kieloben in der Adria unterging - und das bei der ersten Feindfahrt. Die Regisseurin Maria Magdalena Koller löste im Film "Tod im Morgengrauen - Das letzte Schlachtschiff des Kaisers" (Donnerstag, 21.05 Uhr) Kischs Beschreibung des anonymen Stahlkolosses auf.

Unterwasseraufnahmen vom Wrack

In der Dokumentation greift sie neben dem Archivmaterial und aktuellen Unterwasseraufnahmen vom Wrack auf Schauspielszenen zurück. Dafür gab es für die Regisseurin zwei Schlüsselszenen bei der Drehbuchfindung, sagte sie dem Standard: "Als ich das rohe Archivmaterial gesehen habe, das war unvorstellbar." Und "dieser Gigantomanie der Schlacht" wollte sie menschliche Geschichten entgegensetzten.

Etwa jene vom Unteroffizier Franz Dueller. Dessen Einsatz im Kesselraum rettete vermutlich 971 von 1094 Seemännern das Leben. Nach langwierigen Recherchen stieß Koller auf seine Tochter, Valerie Herrnstein, und einen selbst verfassten Bericht des Seemanns. Mithilfe der dort festgehaltenen Details drehte Koller mehr als "nur einen Kriegsfilm", ist sie überzeugt.

Die auf drei verschiedenen Schiffen in Deutschland und Griechenland nachgestellten "Quasi-Originalschauplätzen" sollen etwa verdeutlichen "was sich kein Mensch vorstellen kann - was sich auf der Szent István abgespielt hat". Gefragt, wie Herrnstein auf Michael Pink, den Darsteller ihres Vaters, reagierte erzählt Koller, diese sei begeistert gewesen. Ihren Ausruf: "Der sieht ihm ja ähnlich" habe Koller lachend beantwortet: "Wir haben auch lange gecastet." (Georg Horvath/DER STANDARD; Printausgabe, 27.11.2008)

  • Das Schicksal des Seemanns Franz Dueller (Michael Pink, Mitte) dokumentiert den Untergang des k. u. k. Kriegsschiffs "Szent István".
    foto: orf

    Das Schicksal des Seemanns Franz Dueller (Michael Pink, Mitte) dokumentiert den Untergang des k. u. k. Kriegsschiffs "Szent István".

  • Das Wrack.
    foto: orf

    Das Wrack.

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