"Die Studiengebühren sind nicht abgeschafft"

26. November 2008, 16:56
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Wissenschaftsminister Hahn im STANDARD-Interview über die Reparatur der rot-grün-blauen Beschlüsse vor der Wahl

Johannes Hahn ist wieder Wissenschaftsminister. Er sieht seine Aufgabe in der Reparatur der rot-grün-blauen Beschlüsse vor der Wahl. Zum Regierungsprogramm äußerte er sich schriftlich gegenüber dem UniStandard.

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UniStandard: Sie waren gegen die Abschaffung der Studiengebühren - hat sich Ihre Einstellung geändert?

Johannes Hahn: Das ist ein Missverständnis, die Studiengebühren sind ja keineswegs abgeschafft. Es hat sich nur insofern verkompliziert, dass mehr Studierende davon befreit sind, dies jedoch erst mal nachweisen müssen. Wir sind nun bemüht, den Vollzug so unbürokratisch wie möglich - nämlich sowohl für die Unis als auch die Studierenden - zu gestalten. Tatsache ist allerdings, dass der Bund den Unis den Entgang zwar ausgleichen muss, das wird auch geschehen, aber ich hätte ihnen dieses Geld lieber zusätzlich gegeben und nicht bloß als Ersatz.

UniStandard: Die Rektoren sehen sich durch die teilweise Aufhebung vor bürokratischen Schwierigkeiten. Ein Vorschlag aus Linz ist, die Administration wie bei der Einkommensteuer durchzuführen, also anstatt von Einzelprüfungen eine stichprobenartige Kontrolle vorzunehmen - würden Sie diese Art der Administration zulassen?

Hahn: Es gibt laufend einen Austausch zum Vollzug der neuen Regelungen zwischen Ressort und Universitäten, da werden alle Vorschläge auf Durchführbarkeit abgeklopft. Wir werden einen Modus finden, der die Vollziehung sicherstellt, mit stichprobenartigen Überprüfungen wird es aber wohl nicht getan sein.

UniStandard: Wodurch werden die budgetären Ausfälle durch die teilweise Abschaffung der Studiengebühren kompensiert?

Hahn: Durchs Budget - also das Geld aller Steuerzahler, so zumindest sieht der Beschluss der SPÖ-FPÖ-Grüne-Allianz vom 24.September es vor. Aber das Geld fehlt natürlich primär den Unis, weil es nur ein Ersatz und kein zusätzliches Geld ist.

UniStandard: Warum ist das Regierungsprogramm in puncto Finanzen für die Hochschulen so offen gehalten?

Hahn: Wir bekennen uns zu einer ausreichenden Finanzierung der Universitäten. Tatsache ist, dass wir in Anbetracht der momentanen Finanz- und Wirtschaftsentwicklungen alle die Gürtel enger schnallen müssen. Wir werden uns bemühen, dass es letztlich im Bildungs- und Wissenschaftsbereich ein "Plus" und ein klares Zukunftssignal gibt.

UniStandard: Sehen die im Regierungsprogramm verpflichtenden Studieneingangsphasen für alle Studien vor, dass danach Prüfungen stattfinden, sodass die Studieneingangsphasen wie Auswahlverfahren wirksam werden?

Hahn: Es gibt für Studieneingangsphasen bereits Grundlagen, die grosso modo gut funktionieren. Entscheidend ist, dass die Studieneingangsphasen einen verbindlichen Beitrag zu einer zielorientierten Studienwahl leisten. Das ist deshalb so wichtig, weil viel zu oft erst am Inskriptionsschalter entschieden wird, was der Einzelne letztlich studiert.

Wir wollen einerseits mehr Unterstützung - schon vor der Matura zum Beispiel mit dem Studienchecker - aber dann auch beim Studieneintritt gewähren und damit die angehenden Studierenden motivieren, sich mehr mit der Studienwahl auseinanderzusetzen. All das braucht mehr Verbindlichkeit und weniger Beliebigkeit.

UniStandard: Soll die autonome Gestaltung des Zugangs für den Master nach qualitativen Gesichtspunkten tatsächlich nur ein Transparentmachen der erforderlichen Kenntnisse vorsehen, oder dürfen diese von den Unis auch als Auswahlverfahren ausgelegt werden?

Hahn: Der Punkt ist, dass wir ja mehr Absolventen wollen. Zugangsbedingungen heißt nicht weniger, sondern erfolgreiche Absolventen, konsequent weniger Drop-outs schon durch zielorientierte Studienwahl: Was erwartet mich, worauf muss ich mich einstellen? Ich halte das für elementar.

UniStandard: Im Regierungsprogramm ist weiters die "Optimierung der Betreuungsrelation nach internationalem Standards" festgeschrieben - wie soll das geschehen?

Hahn: Die Herausforderung wird sein, wie man sich der zum Schein Inskribierten entledigt, die das System aufgrund der Abschaffung der Studienbeiträge belasten werden. Letztlich brauchen wir mehr Lehrpersonal für mehr Studierende. Mit dem neuen Kollektivvertrag und einer Ausweitung der befristeten Professuren gibt es durchaus Instrumente, in die richtige Richtung zu arbeiten.

UniStandard: Gäbe es eine Alternative zur am 24. September beschlossenen auf Nationalität beruhenden Quotenregelung für Veterinärmedizin und Psychologie, die mit den Ideen der EU konformgeht?

Hahn: Zur Quote in Medizin gibt es keine vernünftige Alternative. Anders die Regelung in Psychologie, die kommt aus heiterem Himmel, und basiert nicht auf Fakten. Dieses Gesetz wurde ohne Rücksprache mit Experten husch, pfusch formuliert und beschlossen. Das Regierungsprogramm sieht nun eine Sanierung im Zuge der nächsten UG-Novelle vor, mit der wir eine vernünftige Regelung zustande bringen werden. (trat, lou/DER STANDARD Printausgabe, 27. November 2008)

Zur Person: Der promovierte Philosoph Johannes Hahn (geb. 1957) wurde im Jänner 2007 Wissenschaftsminister (ÖVP).

  • Die Master sollen qualitativ beschränkt werden - inwieweit de facto auch quantitativ selektiert werden wird, ist unklar.
    foto: standard/hendrich

    Die Master sollen qualitativ beschränkt werden - inwieweit de facto auch quantitativ selektiert werden wird, ist unklar.

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