Bimspotting

26. November 2008, 18:30
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Herr K. ist kleinlich. Denn er protokolliert Unterschiede. Jene zwischen dem PR-Wien und dem Wien, in dem er lebt.

Es war vor etwa einer Woche. Da schickte Herr K. wieder einmal eines seiner Mails. Herr K. ist Beobachter. Und zwar einer der genauesten, die man sich vorstellen kann. Mehr noch: Wo Herr K. einmal hinschaut, da schaut er auch in den Tagen, Wochen und Monaten danach immer wieder hin.

Das ist mühsam. Nicht nur für Herrn K., sondern auch für den, der unter die Lupe genommen wird: Als Herr K. etwa "entdeckte", dass die Opernpassage tropfte, nervte und löcherte er Behörden, Ämter und Politiker so lange, bis tatsächlich etwas geschah. Und weil Herr K. den öffentlichen Raum so genau beobachtet, ist es kein Wunder, dass er auch dem öffentlichen Verkehr besonderes Augenmerk schenkt.

Zum einem dem, den es laut der Veröffentlichungsmaschinerie der Stadt gibt. Zum anderen dem, der Menschen wie Herrn K. dann tatsächlich zur Verfügung steht.

Genauigkeit

Und weil Herr K. sein gesamtes Berufsleben über – mittlerweile ist er Pensionist – auf Genauigkeit größten Wert legte, ergeben sich dabei Protokolle, die mitunter pedantisch wirken, in Summe dann aber doch den Unterschied zwischen dem angeblichen und dem tatsächlichen Wien anschaulich illustrieren. Zuletzt schickte Herr K. also sein ganz persönliches 1-er-Protokoll. Schließlich, erklärt er, hätten die Wiener Linien ja angekündigt, dass sich mit der Ummodelung von der Ring- zur Stichlinie, die Qualität des Transportes spürbar verändern würde. Also machte sich Herr K auf, diese neue Qualität zu suchen. Hier sein Protokoll (und was Herr K. rot tippte, wird hier eben fett gedruckt):

Tag 1:

"Verkehrssituation Linie 1 am 18. November 2008 ab Station Windtenstraße: Eine alte Garnitur fährt um 11:03 Richtung Prater ab. Laut Fahrplan sollte sie um 11:01 abfahren. Eine weitere alte Garnitur fährt um 11:08 ab. Sie hätte laut Plan um 11:07 abfahren sollen. Um 11.09 kommt es zu einer Begegnung mit einer alten Garnitur in der Knöllgasse. Um 11:16 mit einer alten Garnitur in der Johann Straußgasse. Eine alte Garnitur kommt um 11:18 in der Mayerhofgasse entgegen. Gefolgt von einer alten Garnitur in der Paulanergasse um 11:21." "In der Station Karlsplatz steht die alte Garnitur, die um 11:03 von der Windtenstraße abgefahren ist. Dahinter ein 62er und die alte Garnitur mit der Abfahrtzeit 11:08 von der Windtenstraße steht auf offener Strecke und wartet, bis die Einfahrt in die Station Karlsplatz möglich ist. Die beiden alten Garnituren der Linie 1 sind dann gleichzeitig in der Station Oper/Kärntnerring. "

Tag 2:

"Verkehrssituation Linie 1 am 20. November 2008 ab Station Troststraße: Abfahrt laut Plan 13:54. Tatsächliche Abfahrt einer alten Garnitur um 13:58. Der Triebwagen hat eine verklebte, kaputte Türe. In der Quellenstraße begegnet uns um 14:00 eine alte Garnitur. Um 14:02 eine weitere alte Garnitur am Matzleinsdorferplatz. Um 14:05 kommt ein ULF in der Johann Straußgasse entgegen. Leider kann nicht festgestellt werden, ob es ein 62er oder 1er ist. Zwischen Johann Straußgasse und Mayerhofgasse gibt es um 14:06 eine Begegnung mit einem ULF und um 14:08 in der Paulanergasse mit einer alten Garnitur." "Am gleichen Tag Abfahrt mit einer alten Garnitur vom Schottentor um 14:40. Der zweite Wagen ist nicht geheizt! Auf der Gegenstrecke steht zur gleichen Zeit eine alte Garnitur. Bis zur Burggasse wir es dann wild: es kommen zwei 1er mit ULF, zwei 2er und zwei D-Wagen innerhalb von 5 Minuten entgegen. Das sind ganz tolle Intervalle. Ein Hoch den Planern." "Um 14:52 in der Mayerhofgasse ist wieder eine alte Garnitur auf der Strecke und um 14:55 kommt dann ein ULF in der Laurenzgasse. Am Matzleinsdorferplatz um 14:59 ist es wieder eine alte Garnitur. Bis zur Troststraße um 15:03 kommen dann zwei ULF vorbei."

Orientierung

"Heute stand ich in der Opernpassage und entdeckte die neue Orientierungshilfe für die Abfahrten der öffentlichen Verkehrsmittel. Sie zeigte an, daß die Linie 1 in einer Minute abfahren würde. Ich hetzte also die Rolltreppe hinauf. Das dauerte etwa 30 Sekunden. Die Linie 1 (ULF), die anscheinend schon länger in der Station stand, hatte die Türen geschlossen und fuhr ohne mich in Richtung Stephan Fadinger Platz ab." "Ich ging dann nochmals zu der Orientierungstafel und versuchte mich zurechtzufinden.(Abfahrtsorte der verschiedenen Linien). Leider bin ich gescheitert. Ich will das hier nicht näher ausführen und auch nicht mit meinem IQ prahlen. Es gibt Studien und Seminare über Piktogramme, Leitlinien, Wegmarkierungen usw. Das Team, das für diese Einrichtung verantwortlich ist, hat sich in meinen Augen vollkommen vertan und diese technisch aufwendige und gutgemeinte Einrichtung ad absurdum geführt. Wer verantwortet so einen Mist."

Verantwortung

"A propos verantworten: gestern hatte ich das Vergnügen in einem ungeheizten ULF zu fahren, der mit einem Bildschirm ausgerüstet war. Die Informationen, die da gezeigt wurden, sind vollkommen sinnlos. Die Anzeige der Stationsnamen ist redundant. Wie lange wird es dauern, bis der Bildschirm zu Werbezwecken genützt wird ? Was soll das? Wer zahlt das ? Wer bestellt so was ?" "Ich habe nicht viel Hoffnung, daß ich mit meinem Schreiben eine Änderung bewirke, aber zu den Gegebenheiten den Mund zu halten halte ich nicht für den richtigen Weg. Mit freundlichen Grüßen. K." (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 27.November 2008)

 

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