Exil-Premier Sikorski starb nicht bei Flugzeugunglück

26. November 2008, 16:19
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Untersuchung des 65 Jahre alten Leichnams abgeschlossen - Staatsanwaltschaft widerspricht britischen Angaben von damals - Erneute Bestattung am Mittwochnachmittag

Warschau - Der polnische Exil-Ministerpräsident im Zweiten Weltkrieg, Wladyslaw Sikorski, ist 1943 durch eine andere Ursache umgekommen als bisher angenommen. Das habe die Untersuchung des Leichnams ergeben, erklärte Staatsanwältin Ewa Koj am Mittwoch gegenüber dem Radiosender RMF FM. Die Überreste Sikorskis waren am Dienstag exhumiert und die ganze Nacht untersucht worden.

Die polnischen Ärzte könnten die mehrfache Schädelfraktur, von der in der Sterbeurkunde die Rede ist, nicht bestätigen, sagte Koj. Dafür stellten sie fest, dass die Beine von Sikorski mehrfach gebrochen seien. Ewa Koj erklärte, die damaligen Untersuchungen seien "ungenau" gewesen, der Totenbefund habe offenbar die Theorie von einem Flugzeugunglück stützen sollen. Sikorski war nach bisheriger Auffassung auf Gibraltar ums Leben gekommen, englische Militärärzte hatten die Todesursache damals festgestellt.

Nach der Untersuchung scheint allerdings auch festzustehen, dass Sikorski nicht erschossen wurde. Er habe keine Spuren eines Einschusses gesehen, sagte der Direktor des Instituts für das Nationale Gedächtnis (IPN) in Katowice (Kattowitz) Andrzej Drogon dem Fernsehsender TVN24. Die Staatsanwälte des IPN hatten die Exhumierung angeordnet.

Der Wahrheit näher gekommen

"Wir sind der Wahrheit ein Stück näher gekommen", erklärte Ewa Koj. Die Staatsanwaltschaft geht offenbar davon aus, dass die Untersuchung von Proben in den nächsten Wochen weitere Ergebnisse bringen wird. Denn die menschlichen Überreste des Generals bestehen nicht nur aus Knochen. Einige Körperteile seien mumifiziert, so der IPN-Vorsitzende Janusz Kurtyka. Dies ermöglicht nach Einschätzung von Experten unter anderem eine toxikologische Analyse.

Wladyslaw Sikorski stand an der Spitze der aus Polen evakuierten Armee-Einheiten, die mit den Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpften. Außerdem war er Premier der damaligen polnischen Exil-Regierung in London. Einige polnische Historiker vermuten, dass er 1943 umgebracht wurde. Ein Motiv hätte die Sowjetunion gehabt, unter anderem weil Sikorski die Wahrheit über das Massaker von Katyn publik machen wollte. In Katyn hatte der Sowjet-Geheimdienst NKWD 1940 mehrere tausend polnische Uniformierte erschossen. Die Sowjetunion hatte das Verbrechen Hitler-Deutschland angelastet.

General Sikorski ist noch am Mittwochnachmittag wieder in der Krypta des Doms auf dem Wawel-Hügel in Krakau (Krakow) beerdigt werden. Soldaten begleiteten den Sarg am Mittwoch in die Krypta der Kathedrale des Königsschlosses Wawel in Krakau, wo mit militärischen Ehren Abschied von Sikorski genommen wurde. Krakaus Erzbischof Stanislaw Dziwisz las eine Messe. (APA)

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