Wiener Rechtswissenschaft widmet sich Auswirkungen des "Anschlusses"

25. November 2008, 19:38
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Ausstellung "Erinnerungen im Exil - Exiled Memories" bis 12. Dezember im Juridicum - Ringvorlesung im Sommersemester geplant

Wien - Einen "personellen Einbruch" erlebte auch die Rechtswissenschaftliche Fakultät der Uni Wien rund um den "Anschluss" im Jahr 1938, wie der Vorstand des Instituts für Rechtsphilosophie, Richard Potz, sagte. Eine "überraschend große" Zahl von Personen mit Lehrbefugnis habe unter dem Nazi-Regime flüchten müssen oder ihre Position verloren. Mit der Ausstellung "Erinnerungen im Exil - Exiled Memories" wird den damaligen Ereignissen, dem damit verbundenen "intellektuellen Verlust" und den Auswirkungen auf die Rechtswissenschaften in Wien gedacht. Die Schau wurde im Rahmen der Veranstaltung "Vertriebenes Recht" am Dienstag eröffnet und ist bis 12. Dezember im Juridicum der Uni Wien zu sehen.

Gezeigt werden Installationen von Karen Frostig. Die in den USA lebende Kunsthistorikerin und Künstlerin Frostig ist Tochter eines 1938 geflüchteten Absolventen der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Benjamin Frostig. Nach dem Tod der letzten drei Holocaust-Überlebenden ihrer Familie im Jahr 2004 erhielt sie laut Universität Wien ein Bündel von 68 Briefen ihrer im Konzentrationslager ermordeten Großeltern. Frostigs Großeltern schrieben an deren Sohn Benjamin Frostig, der 1936 an der Juridischen Fakultät der Universität Wien zum Doktor der Rechte und Wirtschaft promoviert wurde und ab 1938 im Exil in Kuba lebte.

"Nicht immer reibungsloser Kontakt zu Österreich

Im Zuge ihres Restitutionsansuchens an die Republik Österreich habe Karen Frostig begonnen, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren, hieß es. Neben dem Schicksal der ermordeten Großeltern begann sie, die Vertreibung ihres Vaters Benjamin Frostig, damals junger Jurist, nach seiner Haft im November 1938 zu erforschen. Der "nicht immer reibungslose Kontakt zu Österreich intensivierte sich", inzwischen habe Frostig die österreichische Staatsbürgerschaft.

Frostigs Installation umfasst zwölf Tafeln. In drei mittels einer Digitalisierungstechnik übereinandergelagerten Ebenen werden Ausschnitte aus Briefen, Fotos und Motiven von Massenerschießungen gezeigt. "Entstanden ist damit eine Zeitreise von 1938, dem Beginn des Exils der Familie, bis 2008", teilte die Universität Wien mit.

Ringvorlesung

Im Sommersemester 2009 ist laut Institutsvorstand Potz eine Ringvorlesung geplant, die die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die einzelnen, an der Fakultät gelehrten Fächer im Detail beleuchtet. Sie wird der Geschichte der Institute der Rechtswissenschaftlichen Fakultät zwischen 1938 und 1945 gewidmet sein. "Was ist nach 1945 passiert?" Dieser Frage möchte sich Potz voraussichtlich im Anschluss an die Ringvorlesung widmen. (APA)

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