"Viel mehr Geld für erneuerbare Energien"

25. November 2008, 18:36
posten

Um die Menschen zum nachhaltigen Umgang mit Energie zu bewegen, braucht es mehr Dialog mit der Öffentlichkeit, meint Chemikerin Elisabeth Friedbacher im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie sind von FEMtech zur "Expertin des Monats" gekürt worden. Was bringt das?

Friedbacher: Ich freue mich sehr darüber. Ich freue mich, dass mit dieser Initiative Frauen vor den Vorhang geholt werden - nicht aus persönlicher Eitelkeit, sondern deshalb, weil diese Initiative den Frauen in der nach wie vor männlich dominierten Welt der Technik Rückenwind gibt. Damit wird Frauen, die bereits in technischen Berufen sind, und auch Frauen, die vor der Entscheidung stehen, einen technischen Beruf zu wählen, aufgezeigt, dass Frauen in der Technik reüssieren können.

STANDARD: Sie leiten die Abteilung Luftqualität und Energie und ein EU-Referenzlabor für Luftgütemessungen. Worum geht es da?

Friedbacher: Das Referenzlabor sichert die Qualität der Beurteilung der Luftgüte. Auf Basis der Luftqualitätsrichtlinien der EU gewährleistet es, dass national und EU-weit einheitliche Methoden und Kriterien angewandt werden. Um die Effizienz der qualitätssichernden Maßnahmen zu erfassen, werden zum Beispiel Ringversuche auf nationaler Ebene organisiert. Bei diesen wird eine identische Probe von den verschiedenen Messeinrichtungen untersucht. Dies ermöglicht einen Vergleich, der über die Messgenauigkeit und die Messfähigkeit der beteiligten Einrichtungen Auskunft gibt. Und wir kalibrieren auch die Messgeräte, damit die von dieser Technik erhobenen Daten vergleichbar sind. Nur dann können die Daten auch Grundlage für Richtlinien werden.

STANDARD: Wie sieht es denn mit der Luftqualität in Österreich aus?

Friedbacher: Die Luftgüte ist bei manchen Schadstoffen viel besser als früher, bei einigen jedoch, etwa bei Stickoxiden und Feinstaub, haben wir aber noch Probleme. Natürlich kommen einige Schadstoffe mit dem Wind aus dem Ausland nach Österreich herein. Aber es gibt hierzulande noch immer mehr als genug zu tun, um die hausgemachten Schadstoffe zu minimieren. Ein starker Verursacher ist der Verkehr und auch der Hausbrand.

STANDARD: Hausbrand, Heizung, Öl: Fossile Brennstoffe sind primäre Energiequelle. Auch und besonders für Industrie und Wirtschaft. Angesichts der derzeitigen Krise: Wie wird die energetische Zukunft aussehen?

Friedbacher: Was wir brauchen, ist eine Steigerung der Effizienz von Technologien, sowie die Nutzung erneuerbarer Energieressourcen und, auch wenn es niemand gerne hört, ein vermehrtes Energiesparen. Das betrifft nicht nur Wirtschaft und Industrie, sondern jeden Einzelnen. Leider ist es so, dass der Gedanke an ein Energiesparen fast immer mit dem Energiepreis gekoppelt ist. Es wäre wünschenswert, wenn die dringlichen Gründe für das Energiesparen, nämlich der Umwelt- und Klimaschutz, mehr in den Köpfen der Menschen verankert wären. Dafür braucht es sicher mehr Information. Die Sichtweisen der Bevölkerung im Sinne von "Risiko Energiegesellschaft" ist zurzeit Themenschwerpunkt der Initiative Risiko:dialog von Umweltbundesamt und Radio Ö1, im März 2009 gibt es dazu eine Bürger-und-Bürgerinnen-Konferenz.

STANDARD: Ist es nicht so, dass man für die Nutzung etlicher erneuerbarer Energiequellen mehr Energie in die Entwicklung und Fertigung der oft sündteuren Technik stecken muss, als man herausbekommt?

Friedbacher: Für eine Effizienzrechnung muss man natürlich die ganze Kette berücksichtigen. Es ist aber schwierig, lange bestehende Technologien mit jungen zu vergleichen. Kurzfristig kann tatsächlich ein Ungleichgewicht bestehen, langfristig muss man jungen Technologien aber die Chance geben, muss sie unterstützen, damit sie schnell effizient werden.

STANDARD: Das heißt also, Sie fordern massive Forschungsinvestitionen in erneuerbare Energien?

Friedbacher: Ja. Möglichst schnell und möglichst viel.

STANDARD: Wird international mehr in die Forschung nach neuen Erdöl-fördertechnologien investiert oder doch eher in erneuerbare Energieträger?

Friedbacher: Die öffentliche Forschung konzentriert sich wahrscheinlich mehr auf erneuerbare Energien, die Industrieforschung favorisiert vermutlich Fördertechnologien. Wie sich die derzeitige Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Industrieforschung auswirken wird, weiß ich nicht. Bis dahin, vermute ich, dürfte deshalb weit mehr Forschungsgeld in den Bereich Erdöl gesteckt worden sein. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2008)

Zur Person
Elisabeth Friedbacher (42), geboren in Tulln, studierte Lehramt Mathematik und Chemie an der TU-Wien, dissertierte über Chemie und Technologie von Erdölprodukten, stieg dann an der TU in die Forschung ein. 1994 wechselte sie ins Umweltbundesamt und leitet dort seit einem Jahr die Abteilung Luftqualität und Energie.

Link
www.umweltbundesamt.at

  • Leitet seit einem Jahr die Abteilung Luftqualität und Energie im österreichischen Umweltbundesamt in Wien: die42-jährige Chemikerin und Erdölexpertin Elisabeth Friedbacher.
    Foto: STANDARD/Corn

    Leitet seit einem Jahr die Abteilung Luftqualität und Energie im österreichischen Umweltbundesamt in Wien: die42-jährige Chemikerin und Erdölexpertin Elisabeth Friedbacher.

Share if you care.