"Die Verhältnisse zwingen mich"

25. November 2008, 18:07
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In der NS-Zeit erwarb das Belvedere zwei Gemälde von Caspar David Friedrich, sie werden nicht restituiert - und das Theatermuseum besitzt tausende "arisierte" Figurinen

Wien - Der Berliner Bankier und ehemalige preußische Finanzminister Hugo Simon wurde von den NS-Machthabern sowohl aus rassischen als auch aus politischen Gründen verfolgt: Er floh im März 1933 nach Frankreich und später nach Brasilien, wo er 1950 starb.

1932 hatte er begonnen, seine Kunstsammlung zu verkaufen. Am 4. Jänner 1933 schrieb er dem Kunsthaus Zürich: "Ich gestatte mir hierdurch die ergebene Anfrage, ob Sie noch Interesse für den Ankauf der beiden Bilder von Caspar David Friedrich haben (...) Wie ich Ihnen gegenüber ganz offen betone, zwingen mich die Verhältnisse zu diesem Schritt."

Das Kunsthaus Zürich entschied sich gegen einen Erwerb. In der Folge verhandelte Simon mit dem Kunstmuseum Basel, er versuchte die Werke nach Amsterdam zu verkaufen. Endlich, im August 1939, übernahm die Galerie Fischer in Luzern die Werke Meeresstrand mit Fischer und Meeresstrand im Nebel. Im Februar 1940 erwarb die Österreichische Galerie sie - zusammen mit Adolph Menzels Frühmesse in Salzburg im Abtausch gegen vier Werke von Giovanni Segantini.

Diesen Fall legte die Kommission für Provenienzforschung dem Rückgabebeirat zur Beurteilung vor. Und dieser empfahl Kulturministerin Claudia Schmied, die Gemälde nicht zu restituieren. Denn das einschränkend formulierte Rückgabegesetz bietet keine Handhabe: Die Veräußerung der beiden Werke durch Hugo Simon erfolgte "außerhalb des NS-Herrschaftsbereichs, nämlich in der Schweiz und an einen Schweizer Kunsthändler". Auch wenn nicht ausgeschlossen werden könne, dass Simon die Werke „ohne die verfolgungsbedingte Flucht zu einem anderen Preis oder unter sonst anderen Umständen oder auch gar nicht veräußert hätte".

Der Rückgabebeirat beschäftigte sich am Freitag noch mit drei weiteren Fällen; er empfahl die Restitution. Entgegen des Versprechens von Schmied gab das Kulturministerium auch diesmal die Ergebnisse nicht bekannt: Auf der Homepage www.bmukk.gv.at werden unter "Aktuelles" nur die Beschlüsse der vorletzten Sitzung aufgelistet.

"Meine Heimat zu verlassen"

Jeder einzelne Fall ist berührend und erschreckend. Siegfried Gerstl übergab dem Technischen Museum seine Sammlung an Dias und Glasnegativen von landwirtschaftlichen Maschinen (549 Stück sowie zwei "Diabücher"), weil er, wie er im August 1938 schrieb, "als Jude möglicherweise gezwungen sein werde, meine Heimat, trotzdem ich 76 Jahre hier wohne, zu verlassen": Er erlaubte sich die Anfrage, ob das Museum geneigt sei, "im Falle, dass ich auswandern müsste", die Sammlung zu übernehmen - "kostenlos". Für den Beirat steht fest: Die Schenkung war "unzweifelhaft durch die nationalsozialistische Machtübernahme bedingt." Die Flucht gelang Gerstl nicht: Er starb am 25. September 1938.

Das Theatermuseum hat den Nachlass des Architekten und Bühnenbildners Oskar Strnad zu restituieren. Dessen Witwe, Mathilde Strnad, hatte bereits 1935 den Verkauf des Nachlasses in drei Tranchen an das Museum (damals: Theatersammlung der ÖNB) vereinbart. Der Eingang von 521 Objekten im Februar 1942 aber wurde als "Spende" vermerkt. Eine Zahlung an Mathilde Strnad, die als "Jüdin" verfolgt wurde, ist nicht nachweisbar: Sie lebte als "U-Boot" in Zeiselmauer. Und überlebte.

Dem Ehepaar Wilhelm und Sidonie Bermann hingegen war dieses Glück im Unglück nicht beschieden: Mitte Oktober 1941 wurde es nach Lódz (Litzmannstadt) deportiert und ermordet. Wilhelm Bermann hatte in Wien die Werkstätte für dekorative Kunst besessen. Praktisch alle führenden Theaterhäuser, auch die Staatsoper, ließen sich die Kostüme von Bermanns Unternehmen anfertigen. Im Herbst 1938 wurde die Werkstätte "arisiert". Die äußerst umfangreiche Sammlung an Figurinen, Fotografien, Kostümen und Kostümteilen kam auf großteils nicht mehr nachvollziehbare Weise ins heutige Theatermuseum.

Wie viele Objekte vorhanden sind, lässt sich nur grob abschätzen: Knapp 70 Jahre nach der Enteignung sind noch immer "mehrere tausend Figurinen", die aufgrund der Herstellervermerke zuordenbar sind, "nicht oder nur teilweise museologisch bearbeitet oder verzeichnet". Der Rückgabebeirat hält eine Aufarbeitung der Bestände "für dringend geboten". Als erster Schritt sollen nun 1235 Handzeichnungen, 317 Drucke und ein Foto restituiert werden.

Die Israelitische Kultusgemeinde veröffentlicht am Mittwoch bei einer Pressekonferenz das Gutachten von Walter Berka. Es zeigt Möglichkeiten auf, wie auch das Leopold Museum zu Restitutionen verpflichtet werden kann. (Thomas Trenkler/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2008)

 

  • Der Berliner Bankier Hugo Simon verkaufte, weil ihn die Verhältnisse
dazu zwangen, zwei Gemälde von Caspar David Friedrich: "Meeresstrand
mit Fischer" (im Bild) und "Meeresstrand im Nebel".
    foto: belvedere

    Der Berliner Bankier Hugo Simon verkaufte, weil ihn die Verhältnisse dazu zwangen, zwei Gemälde von Caspar David Friedrich: "Meeresstrand mit Fischer" (im Bild) und "Meeresstrand im Nebel".

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