Arsen in Fischöl entdeckt

25. November 2008, 18:51
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Grazer Forscher untersuchen Giftigkeit der neuen Verbindung

"Wir wissen noch nicht, ob es für den Menschen giftig ist oder nicht" , erklärt der Grazer Chemiker Kevin Francesconi. "Derzeit versuchen wir, die Molekülstruktur der neuen Arsenverbindung zu eruieren. Und unsere Partneruniversität Teikyo in Japan macht mit der neuen Arsenverbindung bereits erste toxikologische Untersuchungen an menschlichen Zellen. In sechs bis zwölf Monaten wissen wir mehr."

Grund der Aufregung, die in der internationalen Fachwelt derzeit für Aufsehen sorgt: Francesconi und seine Arbeitsgruppe "Umwelt- und Spurenanalytik" am Institut für Chemie der Karl-Franzens-Universität Graz haben ein neues Arsen-Molekül entdeckt, das in sehr hoher Konzentration in Fischölen vorkommt und - anders als die bisher bekannten unschädlichen Verbindungen - vom Körper umgewandelt wird.

Keine klaren Grenzwerte

Mit Arsen assoziiert man nicht zuletzt durch den Kinoklassiker Arsen und Spitzenhäubchen mit Cary Grant in der Hauptrolle unwillkürlich den klassischen Giftmord. Weniger bekannt ist jedoch, dass das Spurenelement in der Natur in verschiedenen Verbindungen vorkommt, von denen einige völlig ungefährlich sind. Francesconi und sein Team erforschen mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF seit Jahren die unterschiedlichen Arten von Arsen.

2005 ist es den Chemikern weltweit erstmals gelungen, in Öl lösliche Arsen-Verbindungen zu messen. In der Folge haben die Wissenschafter diese genauer betrachtet. Hintergrund dieser Forschungsarbeiten: "Es gibt in Europa noch immer keine klaren Richtlinien für Arsen in Lebensmitteln" , erklärt Francesconi. "Seit Jahren sind daher etliche Forscher an der Arbeit, um relevante Daten und mögliche Grenzwerte zu eruieren und auf dieser Basis Richtlinien zu erstellen."

Die Grazer Forscher nahmen sich speziell der öllöslichen Arsenverbindungen an. Vor wenigen Wochen sind sie dabei auf das neue Molekül in Fischölen gestoßen. "Was uns dabei stutzig gemacht hat, ist der Metabolismus" , sagt Francesconi.

Für Menschen unschädliche Arsen-Verbindungen werden vom Körper nicht verstoffwechselt und nahezu unversehrt wieder ausgeschieden. Anorganische Arsen-Verbindungen hingegen, also solche, die zum Teil extrem giftig sind, werden dem Metabolismus zugeführt und verstoffwechselt. "Und bei der von uns nun gefundenen Verbindung verhält es sich wie bei den anorganischen" , sagt Francesconi: "Wir nehmen dieses Arsen mit dem Verzehr von Fischen auf und der Körper führt es dem Metabolismus zu. Am Ende finden wir die gleichen Abbauprodukte wie bei den giftigen Arsen-Verbindungen, die etwa im Wasser vorkommen."

Das heiße aber nicht, dass auch die neue Art für den Menschen schädlich ist, da man noch immer nicht genau wisse, was Arsen überhaupt giftig macht. "Wir nehmen zwar nicht an, dass die neue Verbindungen dem Menschen schadet, denn sonst hätte das bereits Auswirkungen gezeigt" , nimmt Francesconi vorzeitigen Panikreaktionen den Wind aus den Segeln, "aber man weiß es eben nicht. Daher wollen wir das Rätsel so schnell wie möglich lösen."

Hohe Konzentration

Interessant sind die jüngsten Ergebnisse aus Graz auch aus dem Grund, weil die untersuchten Fischöle als Nahrungsergänzungsmittel hoch im Kurs stehen. Denn ihre ungesättigten Fettsäuren gelten als gesundheitsfördernd und vorbeugend gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

"Wir haben uns zehn Fischöle angesehen, zwei davon im Detail - den vom Kabeljau stammenden Lebertran und das Öl der Lodde, auch Kapelan genannt" , zählt der Forscher auf. "In beiden fanden wir Konzentrationen der neuen Verbindung von rund zehn Milligramm pro Kilogramm."

Zum Vergleich: Der Grenzwert für Arsen in Lebensmitteln liegt in Australien bei einem Milligramm pro Kilogramm. In Österreich gibt es, wie in den meisten Ländern, keinen solchen Grenzwert. Anders ist es für Arsen im Wasser: Hier hat die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Grenzwert von zehn Mikrogramm pro Liter angesetzt - ein Tausendstel der im Fischöl gefundenen Menge. (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2008)

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