"Das Klima ist ein reizbares Biest"

25. November 2008, 18:45
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Wallace S. Broecker wurde dieser Tage mit dem Balzan-Preis ausgezeichnet - Der US-Klimaforscher sieht im CO2 das größte Umweltproblem und kritisiert Barack Obama

Kaum ein Forscher hat so viel zum Verständnis des Klimawandels beigetragen. Vom Ziel seiner Wünsche, sagt Wallace S. Broecker, sei er indes "noch ein gutes Stück entfernt" . Eine Tatsache allerdings hält der US-Klimatologe nach 40-jähriger Forschungsarbeit für bewiesen. "Das Klima ist kein Faultier, sondern ein reizbares Biest. Und das haben wir ganz entschieden überreizt."

Der US-Klimatologe, der am Freitag in Rom mit dem angesehenen und mit einer Million Schweizer Franken dotierten Balzan-Preis ausgezeichnet wurde, hält Klimamodelle noch immer für fehleranfällig. Das Klima reagiere "vielfach empfindlicher auf Störungen, als die verfügbaren Rechenmodelle es voraussagen können" , sagt der 75-jährige Forscher von der Columbia University in New York im Standard:-Gespräch.

"Derzeit weist die Atmosphäre eine CO2-Konzentration von 380 p. p. M. auf." Sollte sich die Politik auf einen Grenzwert von 560 einigen, dürften wir noch 750 MiIliarden Tonnen Kohlenstoff verbrennen. "Noch ist nicht allen klar, dass Kohlendioxyd das größte Umweltproblem der Erde ist."

Broecker sieht derzeit nur eine konkrete Möglichkeit der Abhilfe: das CO2 aus der Luft herauszufiltern und chemisch zu binden. 20 Prozent der bei der Verbrennung von Kohlenstoff gewonnen Energie würden dafür ausreichen. Technisch sei ein solches Projekt durchaus machbar. Das Kohlendioxyd könne in unterirdischen Höhlen oder Salzbergwerken gelagert werden. Eine weitere Möglichkeit sei es, CO2 unter dem Meeresspiegel in Basaltgestein einzuführen, wo es von Magnesium und Calcium gelöst und gebunden werde.

"Die Industriestaaten müssen technische Machbarkeit und Umweltverträglichkeit derartiger Projekte gemeinsam prüfen" , fordert der Klimatologe. Energiesparen und Förderung alternativer Energien hält er für "wichtig, aber absolut unzureichend" .

Obamas falsches Signal

Skeptisch begutachtet Wallace S. Broecker die von Barack Obama erwartete Wende in der US-Energiepolitik : "Dass Obama den Maisbauern Unterstützung für die Produktion von Biosprit verspricht, ist ein falsches Signal - ein Nullsummenspiel, da die ganze Ernte wieder verheizt wird.Doch er will sich die Agrarlobby nicht zum Feind machen."

Heute gilt das Augenmerk des Klimaforschers vor allem Grönland. "Das Abschmelzen des Inlandeises ist ausschlaggebend für den Anstieg des Meeresspiegels. Das Schmelzwasser gelangt nicht erst an der Gletscherzunge ins Meer, sondern sickert bis auf den Grund der Eisströme durch und beschleunigt das Abschmelzen, das rapider vor sich geht als vermutet."

Der erwartete Anstieg des Meeresspiegels werfe dramatische Fragen auf. "Um welchen Preis lassen wir Küstengebiete untergehen und wie viel kostet es, CO2 aus der Luft zu filtern?" Entscheidungen dieser Art seien für die Zukunft des Planeten entscheidend. (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 26.11.2008)

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    Eisscholle vor Grönland. Das abschmelzende Inlandeis der Insel lässt die Meere ansteigen.

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