"Länder, die bisher sehr liberal agiert haben, setzen jetzt Grenzen"

25. November 2008, 18:01
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Die Kopftuch-Regelungen unterscheiden sich gänzlich in den verschiedenen Ländern Europas. Im Zuge des EU-Projekts VEIL forschen seit 2006 acht internationale Projektteams nach den Ursachen dieser Differenzen

Österreich agiert in der Kopftuch-Debatte so tolerant wie kaum ein anderes europäisches Land. Während in österreichischen Schulen das Tragen des Kopftuches kein Problem darstellt, ist es in den öffentlichen Schulen Frankreichs per Gesetz verboten. In Deutschland ist das Thema Kopftuch seit 2003 sogar Sache der einzelnen Länder. Doch woher kommen diese Unterschiede in der Gesetzgebung und die verschiedenen Bedeutungen in den politischen Debatten?

ForscherInnen aus Österreich, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Griechenland, den Niederlanden, der Türkei und Großbritannien arbeiten im Projekt VEIL ("Values, Equality and Differences in Liberal Democracies. Debates about Muslim Headscarves in Europe") seit März 2006 zusammen, um auf wissenschaftlicher Basis auf die eigentlichen Ursachen zu blicken. Bei der internationalen Konferenz „Framing The Muslim Headscarf" am 20. und 21. November in Wien stellten ForscherInnen aus den einzelnen Projektländern ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit vor.

Beziehung von Staat und Kirche als zentraler Gesichtspunkt

Ziel von VEIL ist es, die unterschiedlichen Strategien anhand von Integrationsmodellen, dem Verhältnis von Staat und Kirche und den direkten und indirekten nationalen Geschlechterpolitiken zu erklären. "Das Projekt hat zwei Stränge. Wir untersuchen einerseits die Regulierungen in den jeweiligen Ländern, andererseits aber auch die politischen Debatten", so Projektmitarbeiterin Leila Hadj-Abdou im Gespräch mit dieStandard.at.

Ein zentraler Gesichtspunkt sei die Beziehung zwischen Staat und Kirche, sagt Hadj-Abdou über die wichtigsten Ergebnisse des Projekts: "Diese Beziehung ist erklärend dafür, warum Länder erlauben oder verbieten." Ein Resultat, das sich erst in den letzten Monaten abgezeichnet habe, sei eine Wandlung in Bezug auf die verschiedenen Formen der Bedeckung. "Länder, die bisher sehr liberal agiert haben, setzen jetzt Grenzen", so Hadj-Abdou.

Die VEIL-Mitarbeiterin präsentierte im Zuge der Konferenz gemeinsam mit Linda Woodhead von der Universität Lancaster eine vergleichende Studie über die Situation englischer und österreichischer AkteurInnen in der Kopftuch-Debatte. Die ForscherInnen kamen unter anderem zum Ergebnis, dass es in Österreich im Gegensatz zu Großbritannien eine einheitliche Vertretung muslimischer Anliegen gibt, in Großbritannien aber wesentlich mehr Forderungen und Auseinandersetzungen rund um das Thema Kopftuch festzustellen sind. Die Debatte ist in englischen Medien auch viel präsenter und wird von den Menschen mit mehr Toleranz aufgenommen. Insgesamt gesehen sind Österreich, Großbritannien und Griechenland die tolerantesten der untersuchten Länder.

"Es gab nie jemanden, der sich profilieren wollte"

Um regelmäßig über die Ländergrenzen hinweg die Ergebnisse zu diskutieren, kommen die ForscherInnen zu halbjährlichen Teamtreffen zusammen. In Wien wurde nicht nur die Idee zum Projekt selbst geboren - Birgit Sauer und Sieglinde Rosenberger vom Institut für Politikwissenschaft in Wien leiten auch das dreijährige EU-Projekt.

Auf Hürden sei man trotz der Distanzen bisher nicht gestoßen, sagt Hadj-Abdou. Vor allem das fast reine Frauenteam habe viele Vorteile: "Das hat andere Dynamiken. Wir haben nie auf einer persönlichen Ebene Probleme gehabt und es gab nie jemanden, der sich profilieren wollte."

Bei der Auswahl der teilnehmenden Länder wurde versucht, eine Balance an verschiedenen Regulierungen zu finden, so Hadj-Abdou: "Uns war auch wichtig, die Türkei dabei zu haben, wo der Islam als Religion mehrheitlich vertreten ist." Ursprünglich war auch die Teilnahme eines osteuropäischen Landes geplant, jedoch sei zum damaligen Zeitpunkt kein ForscherInnenteam zu finden gewesen, das auf diesem Gebiet schon Expertise hatte. Im Februar 2009 sollen die Forschungsergebnisse von VEIL schließlich gesammelt in einer Publikation erscheinen. (Maria Fanta/dieStandard.at, 25. November 2008)

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    Bei der internationalen Konferenz „Framing The Muslim Headscarf" in Wien präsentierten die ForscherInnen des VEIL-Projekts ihre Ergebnisse rund um die Debatte des islamischen Kopftuches.

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