Was suchen Männer in der Therme?

24. November 2008, 17:00
90 Postings

Männer sind anders - auch bei den Themen Gesundheit und Schönheitspflege. Stressprophylaxe und Leistungsdruck bringen Männer in Wellnesshotels

Immer mehr Männer entdecken die Welt des Wohlbefindens für sich. Den klassischen Wellness-Gast, der zwischen 35 und 55 Jahre alt und weiblich ist, gibt es nicht mehr, stellte Claus-Arwed Lauprecht, Geschäftsführer des Europäischen Wellness Institutes beim 5. International Wellness Kongress im Juni 2008 fest. Wie aber sieht der männliche Wellnessgast aus, was bewegt ihn, was erwartet er und was wird ihm geboten?

Geheimsache Schönheitspflege

"Wellness für Männer leidet unter einem Imageproblem", weiß die Buchautorin und Mediziner Anlgelika Hartmann. "Frauen reden über Wellness, Schönheitspflege und Kosmetik ganz offen, Männer bleiben damit lieber im Geheimen". Gesichtsbehandlungen etwa würden heimlich gemacht, es wird vermieden, Freunden davon zu erzählen. Zu feminin ist das Image von Kosmetikbehandlungen oder Maniküren. "Mann will nicht unmännlich oder gar 'schwul' wirken", bringt es Hartmann auf den Punkt.

Anstatt über Körperbewusstsein oder dem Wunsch nach Attraktivität finden Männer über andere Definitionen Zugang zum Wellnessmarkt. "Mann ist nicht krank", erklärt Hartmann das männliche Selbstbild. "Männer finden Zugang über die Stressprophylaxe. Denn Stress kommt von Leistungsdruck und das ist etwas typisch Männliches. Überarbeitet sein, Erschöpfung, steigender Druck im Berufs- und Privatleben und der Wunsch nach Ausgleich sind Gründe für Männer, ein Spa aufzusuchen."

Übertreibung ist männlich

"Wellness ist für Männer gesünder als Fitnesstraining, da sie zu Übertreibung neigen. Auch beim Fitnesstraining achten sie nicht auf ihre Grenzen sondern überschreiten diese nur zu leicht", sagt Hartmann. Bei Wellness-Behandlungen hingegen wird die Leistungserbringung außer Acht gelassen.

"Ein richtiger Mann achtet nicht auf sein Äußeres, Schönheit ist nicht wichtig. Was zählt sind eine dicke Brieftasche und eine steile Karriere", so Hartmann weiter. Aber was Jahrzehnte lang gültig war, verliert heute immer mehr an Strahlkraft und Charisma. "Immer mehr Männer verstehen, dass die Zeiten, als ein gefülltes Bankkonto ausreichte, um attraktiv zu sein, vorbei sind. Heute ist es auch für die Karriere hilfreich, optisch ansprechend zu sein und die Körperpflege nicht auf das absolute Minimum zu reduzieren".

Hinter einem gepflegten Mann ...

Immer mehr Männer greifen auch zu Mitteln der plastischen Chirurgie, um etwa Tränensäcke entfernen zu lassen oder Gesichtsfalten zu straffen. Es sind vor allem Männer ab 30, die sich mit ihrer Attraktivität auseinandersetzen, während viele 50jährige nach wie vor nur das Notwendigste für ihr Äußeres tun. "Dabei sind Frauen durchwegs angetan, wenn ein Mann darauf achtet, gepflegt zu sein. Viele Frauen wünschen sich, dass ihre Männer endlich ‚etwas tun'. Sie schicken ihre Männer in meine Praxis zum Yogatraining und motivieren sie zu einem bewussten Umgang mit ihrem Körper", erklärt Hartmann.

Frauen bleiben draußen

Einige Wellness-Hotels haben die neue Zielgruppe bereits ins Auge gefasst und bieten spezielle Behandlungen für Männer an. Etwa die Therme Laa, die spezielle Packages für Männer im Programm hat, zu denen neben der Wellnessbehandlung auch ein kühles Bier gehört. "Wir merken, dass sich Männer immer mehr trauen, Wohlfühl- und Schönheitsanwendungen zu buchen", erklärt Thermenleiter Reinhold W. Russ. Massagen seien bei Männern zwar unangefochten an der Spitze, gefolgt von Pedi-  und Maniküre, Gesichtsbehandlungen würden aber immer stärker aufholen. Auf die steigende Nachfrage reagiert man mit speziellen Angeboten für Männer, die auch immer stärker gebucht werden. "Wenn ein Mann einmal die Hürde überwunden hat, eine Gesichtsanwendung zu testen, dann findet er meist auch Gefallen daran", so Russ.

Einige gehen noch weiter und bieten, wie das Media-Spa in München, exklusive Behandlungen nur für Männer an. Das gesamte Interieur wurde mit Holz, Leder und Metall 'männergerecht' gestaltet, die Farben sind ruhig und gedeckt. Moderne, klare Linienführung und sparsame Dekoration unterstreicht das männliche Flair. In der Lounge werden die Kunden mit Plasmabildschirm, W-Lan und Drinks versorgt. Behandlungen und Pflegeprodukte sind auf die Bedürfnisse des Mannes abgestimmt. Die Geschäftsführerin, Tünde Hartwieg, sieht ein großes Wachstumspotenzial für die Wellnessbranche: "Schon jetzt sind 25 Prozent der Besucher in Kosmetikstudios männlich, der Zuwachs beträgt etwa zehn Prozent pro Jahr." Auf das Spa in München sollen weitere Spas mit dem gleichen Konzept auch in anderen Großstädten folgen.

Schlecht beratene aber gut zahlende Kunden

Seit 2004 vertreibt Christian Weishäupl über seinen Webshop „Tonsus" Pflegeprodukte speziell für Herren. "Wir erleben ein stetes Wachstum von durchschnittliche 20 bis 25 Prozent jährlich. Das Interesse ist groß und Männer sind ausgesprochen treue Kunden. Wenn sie ihre Pflegelinie gefunden haben, bleiben sie meistens auch dabei", sagt Weishäupl. Die Kunden übernehmen Eigenverantwortung bei der Körperpflege. "Bei uns kaufen die Männer selber. Dass Frauen an uns herantreten, um für Männer Kosmetik zu kaufen, ist die Ausnahme. Umgekehrt interessieren sich Kunden auch kaum für Frauenprodukte. Bei uns kaufen tatsächlich Männer für sich selber ein", so Weishäupl.

Der Kundenkreis bewegt sich in den Altersgruppen zwischen zwanzig und fünfzig Jahren. Bei den Zwanzigjährigen steht das Thema Rasur an oberster Stelle. Ab dreißig interessieren sich die Kunden dann für Pflegeprodukte, finden ihre Pflegelinie und bleiben meist auch dabei. Und Männer sind gut zahlende Kunden: "Wenn Frauen einkaufen, beträgt der Wert des Warenkorbs durchschnittlich 50 Euro - bei Männern liegt der Wert zwischen 120 und 150 Euro." Viele Kunden nutzen den Online-Shop auch dafür, sich Informationen zu männerspezifischen Problemen wie etwa eingewachsene Barthaare oder trockene Haut zu holen. "In herkömmlichen Parfümerieketten fehlt es an Wissen für eine ordentliche Beratung. Männer haben schon grundsätzlich Hemmungen, eine Parfümerie aufzusuchen. Wenn sie dann auch noch schlecht beraten werden, ist der Ausflug in die Welt der Pflege meist mit einem Besuch wieder vorbei", erzählt Weishäupl von den Problemen der Männerwelt.

Männer wollen Erotik

"Zwei Drittel aller Buchungen sind nach wie vor weiblich motiviert", erklärt Oskar Villani, Geschäftsführer von Marktforschungsinstitut SDI-Research die Situation am Wellnessmarkt. Für reine Männer-Spas erkennt Villani kaum Potenzial und hat eine überraschende Begründung dafür: "Ein wichtiges Motiv für Männer, Spas aufzusuchen, ist der Faktor Erotik. Es wird zwar kaum darüber gesprochen, ist aber trotzdem ein nicht unwesentlicher Punkt. Männer möchten zum Beispiel Zeit mit der Partnerin verbringen, da sie oft berufsbedingt hier kürzer treten müssen", sagt Villani. Thermen, die dieses Verkaufargument in ihrer Werbestrategie berücksichtigen, werden mit steigenden Buchungszahlen bestätigt. "Die Auszeit vom Alltagsstress und das Energietanken, um im Berufsleben wieder vollen Einsatz bringen zu können, sind für Männer ebenfalls Gründe für einen Wellnessaufenthalt", so Villani weiter. Aber nur fünfzehn bis zwanzig Prozent der Männer interessieren sich überhaupt für Wellness.

"Der Softie hat ausgedient"

Bei der Schönheitspflege legen sie Wert auf ein Profil mit Ecken und Kanten. "James Bond ist ein gutes Beispiel für den derzeitigen Trend. Pierce Brosnan war noch streichelweich, mit glatter Haut und makelloser Frisur. Daniel Craig ist der moderne Bond - mit zerzausten Haaren, Narben und einem trotzdem gepflegten Äußeren. Der Softie hat ausgedient", beschreibt Villani das neue Männerbild.

In der Bevölkerung erkennt er eine Spaltung in einerseits jene Menschen, die sich gesund ernähren, ihren Körper pflegen und Wellness-Anwendungen konsumieren. Das ist etwa ein Fünftel der männlichen Bevölkerung, bei Frauen ist der Anteil höher. Der andere Teil nimmt diese Themen zwar wahr, interessiert sich aber nur wenig oder garnicht dafür. Trotzdem wird das Gesundheitsbewusstsein längerfristig steigen.

Die sozioökonomische Situation ist wesentlich für die Haltung gegenüber Gesundheit und Schönheitspflege. Männer mit hohem Einkommen, hoher Bildung und hohem beruflichen Status sind eher bereit, Wellness-Anwendungen zu konsumieren und in ihre Pflege zu investieren. Das wird im Berufsleben auch mehr und mehr gefordert. Für den weitaus größeren Teil der Bevölkerung, ist Wellnessurlaub aber nur ein "erweitertes Tröpferlbad", so Villani. Man fährt zwar in die Therme und erholt sich dort, die Wellness-Anwendungen werden aber kaum oder gar nicht in Anspruch genommen. (Mirjam Harmtodt/derStandard.at/25.11.2008)

Informationen:
Angelika Hartmann ist Medizinerin und Buchautorin. In ihrem Buch "Potenzial Mann" setzt sie sich mit den Themen Mann, Leistungsdruck und Gesundheit auseinander. (ISBN 978 - 3 - 609 - 16387 -1 Verlag:ecomedMEDIZIN)

Christian Weishäupl hat sich mit seinem Online-Shop "Tonsus" auf Männerpflege spezialisiert.

Oskar Villani ist Geschäftsführer vom Marktforschungsinstitut SDI-Reserach, das Märkte analysiert und neue Trends und Potenziale findet.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein bisschen wild darf er aussehen, der neue Mann. Hauptsache, er achtet auf seine Körperpflege.

Share if you care.