"Die Art, Kaffee zu trinken, ist doch gleich"

24. November 2008, 20:37
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Literatur kann Territorien erschaffen, sagt der Botschafter Serbiens in Österreich, Dragan Velikić, im STANDARD-Interview

Dem Schriftsteller wurde am Montag in Wien der Mitteleuropapreis 2008 verliehen.

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STANDARD: Die Helden in Ihren Büchern bewegen sich zwischen Prag, Budapest, Belgrad, Wien oder Pula. Eröffnet die Literatur die Möglichkeit, mitteleuropäisch zu sein, oder gibt es wirklich Mitteleuropäer?

Velikić: Ein Autor aus Zagreb hat über meinen Roman "Das russische Fenster" geschrieben: Da erobert ein serbischer Schriftsteller den Begriff Mitteleuropa. Aber Mitteleuropa existiert gar nicht. Mitteleuropa war Anfang der 1980er- Jahre ein Alibi für Osteuropäer, gegen die politische Situation zu sein. Man braucht ja immer einen Ort, um Politik zu definieren. Egal ob er existiert oder nicht.

STANDARD: Aber existiert Mitteleuropa jetzt?

Velikić: Es gibt jedenfalls einen gemeinsamen Schirm, unter dem Joseph Roth, Danilo Kiš, Miroslav Krleža, Hermann Broch und Milan Kundera stehen. Wenn Nationen 70 oder 100 Jahre in einem Staat leben, dann können sie gegeneinander sein, aber die Art, wie sie Kaffee trinken, ist doch die gleiche. Vielleicht klingt Mitteleuropa langweilig. Aber viele erfolgreiche Autoren haben heute gar keine eigene literarische Welt. Das führt dann zu dieser Tankstellenliteratur. An allen Tankstellen bekommt man die gleiche Literatur, den gleichen Kaffee, den gleichen Kuchen. Die Zuständigkeiten sind schon im Voraus geklärt: Wenn ein Serbe über Milošević schreibt, dann ist das super, aber er soll bitte nicht über die Liebe schreiben. Denn über die Liebe schreiben schon genügend Franzosen. Das Problem des Westens ist, dass er damit eine Green Card für die Literatur in Osteuropa ausstellt, die nur das Bild im Westen bestätigt.

STANDARD: Wie gehen Sie damit um?

Velikić: Ich mache trotzdem weiterhin mitteleuropäische Literatur. Ich weiß, dass Joseph Roth heute keine Chance hätte, auch nur tausend Bücher zu verkaufen. Aber er ist trotzdem moderner als alle zeitgenössischen Schriftsteller.

STANDARD: Warum?

Velikić: Weil er eine authentische Welt eingesetzt hat. Wichtig ist, dass man gegenüber Aufträgen gleichgültig ist.

STANDARD: Sie meinen, dass Sie sich etwa nicht dauernd auf die 1990er- Jahre beziehen müssen?

Velikić: Natürlich nicht. Man produziert ja seine eigenen Koordinaten in Raum und Zeit. Dazu braucht man nicht nur Distanz, sondern auch eine Sprache, um eine Zeit zu verewigen. Ich bin mir sicher, dass wenige Leute Musils "Mann ohne Eigenschaften" gelesen haben. Und trotzdem ist dieses Territorium beständiger als alle Politik. Musil ist eine Welt für sich. Nach 50 oder 100 Seiten eröffnet das Buch ein ganzes Universum.

STANDARD: Sie schreiben, dass Ihre Räume keine Fahnen haben. Gibt es Mitteleuropäer ohne Nationalstaat?

Velikić: Identität ist ein Fluss, sie ist immer in Bewegung. Beim Kaffee ist auch eine Mischung am besten. Ich bin anders als meine Kollegen aus Prag, aber 20 Prozent von mir und 20 Prozent von denen, das macht diesen Phantombegriff Mitteleuropa aus. Ich habe zwei Jahre in Ungarn gelebt, und obwohl ich kein Ungarisch spreche, gibt es Dinge, die ich in Fiume, in Novi Sad oder Belgrad wiedererkenne. Ich weiß, dass der Mitteleuropa-Begriff junge Leute nervös macht. Aber die haben auch einen gemeinsamen Nenner, das ist vielleicht ein Stück libanesisches Haschisch oder ein Starbucks Café. Man braucht eben Koordinaten und Orientierung.

STANDARD: In Wien kann man Serbisch, Albanisch und Bulgarisch hören. Ist Wien durch die Migration mitteleuropäischer geworden?

Velikić: Die bulgarischen Autoren Ilja Trojanov und Dimitri Dinev schreiben hier in Wien auf Deutsch. So etwas macht eine Stadt multikulti. Belgrad war früher ja auch die einzige Metropole in Osteuropa, weil da so viele verschiedene Welten waren. Auch Wien ist heute, 20 Jahre nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens, weltstädtischer als früher. Ich war 1975 einen Monat in Wien: Die Stadt war im Vergleich zu Belgrad so langweilig! Mamma mia! Wien war wie ein Bad für Pensionisten. Man kann sagen, dass es schön ruhig war ohne diese verrückten Ausländer. So schön - wie tot.

STANDARD: Es gilt noch immer EU-Visumspflicht für die Bürger der Westbalkanstaaten. Das erzeugt auch eine gewisse Starre.

Velikić: In Ex-Jugoslawien existierte der Begriff Visum bis Anfang der 1990er nicht. Der jugoslawische Pass war der teuerste auf dem Schwarzmarkt, weil wir ein Visum weder für den Westen noch für den Osten brauchten. Heute brauchen wir sehr viele Papiere, um herauszukommen. Deshalb ist es mit Europa ähnlich wie mit einem Mädchen, in das man sich verliebt hat und das einen zurückweist.

STANDARD: Hat sich Wien gegenüber dem Balkan geöffnet?

Velikić: Bei dem Wort Balkan denken hier viele, dass die Leute dort nur essen, spielen und trinken. Das ist so ähnlich, wie wenn die Leute auf dem Balkan glauben, dass die Wiener wie Lipizzaner gehen und um drei einen Kaffee im Sacher trinken. Das sind Stereotype, und Stereotype sind angenehme Schatten. Man braucht sie, um eine Pause zu machen. Dann kann man sagen: Das sind so viele Ausländer, wir haben Angst, dass da Diebe kommen. Nur die Mafia braucht sicher keine Visa. (Adelheid Wölfl/DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2008)

Zur Person
Dragan Velikić (55), geboren in Belgrad, aufgewachsen in Pula, war einer der wichtigsten kritischen Journalisten in der Milošević-Zeit. Seine Bücher wurden in zehn Sprachen übersetzt. Zuletzt ist sein achter Roman, "Das russische Fenster" im Verlag dtv erschienen. Velikić ist der meistübersetzte serbische Autor im deutschen Sprachraum.

  • Dragan Velikić ist ein leidenschaftlicher Kaffeetrinker und findet, wie im Falle Mitteleuropas, eine Mischung am besten
    foto: standard/corn

    Dragan Velikić ist ein leidenschaftlicher Kaffeetrinker und findet, wie im Falle Mitteleuropas, eine Mischung am besten

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