Fadesse macht noch keinen Teenager zum Straftäter

24. November 2008, 20:22
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Ein 14-Jähriger gestand nun zwei brutale Überfälle - Derartige von Jugendlichen verübte Straftaten werden immer öfter angezeigt

Auch Gewalt an Schulen nimmt laut einer Umfrage unter Lehrern zu.

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Linz/Wien - Am 3. November wird eine 24-Jährige Slowakin auf einer Gemeindestraße in St. Gilgen überfallen. Wenige Tage zuvor, am 28. Oktober, wird in dem kleinen Ort am Wolfgangsee eine 16-Jährige Schülerin bedroht. In beiden Fällen geht der Täter äußerst brutal vor, setzt seinen Opfern ein Messer an die Kehle. Gestanden hat die Überfälle jetzt ein erst 14-jähriger Deutscher.

Bei der Kriminalität scheint immer mehr der Nachwuchs "aktiv" zu werden. Was aktuelle Zahlen belegen: Allein in Linz gerieten im Vorjahr rund 1400 Jugendliche auf die schiefe Bahn. Kontinuierlich steigt vor allem die Tätergruppe der 14- bis 18-Jährigen an. Wurden 2001 noch 812 Tatverdächtige ermittelt, waren es Vorjahr bereits 1252, was immerhin 17 Prozent aller Linzer Jugendlichen ausmacht. Und die Delikte reichen von Sachbeschädigung bis zu Raub. Nur selten werden die Straftaten von Einzeltätern ausgeführt, viel eher neigt man unter jugendlichen Straftätern zur Bandenbildung. In bester Erinnerung ist da noch die "Gummibärchen-Bande", die von der Linzer Polizei im heurigen August ausgehoben werden konnte. Die Bilanz der kriminellen Gummibären: Insgesamt 41 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren sollen 700 Straftaten verübt haben.

Die Verdächtigen stammten aus geordneten familiären Verhältnissen. Sie begingen zahlreiche Diebstähle, brachen in Keller und Lokale ein. Ihre Beute reichte von Süßigkeiten bis Laptops. Auch 16 Überfälle gingen auf ihr Konto. Als Tatmotiv gaben sie Langeweile und "schnell verdientes Geld" an.

"Es fehlt an Sensibilität"

Zumindest die "Langeweile" lässt der Linzer Jugendpsychiater Werner Leixnering nicht gelten: "Fad alleine reicht nicht. Es stecken immer psychische Nöte dahinter. Ein geringer Selbstwert, Leistungsdruck, die Angst zu versagen." Auch Erziehungsfehler spielen immer wieder eine große Rolle. "Oft mangelt es an einer entsprechenden Werte-Vermittlung. Jugendliche sind sich der Folge ihrer Gewalttaten mitunter gar nicht bewusst. Es fehlt an der nötigen Sensibilität", ist Leixnering überzeugt. Die Gewalt in Filmen oder Computerspielen sieht der Experte aber nicht als Grund: "Sie kann allenfalls Auslöser sein, dass vorbelastete Jugendliche tatsächlich Straftaten begehen."

Dass sich Burschen und Mädchen ihrer Verantwortung oft nicht bewusst sind, ist auch der Bezirksschulinspektorin von Korneuburg in Niederösterreich, Helga Braun, aufgefallen. In diesem Schuljahr besuchten daher Polizisten die 14-Jährigen des Bezirks in den Schulen und besprachen mit ihnen den Unterschied zwischen Lausbubenstreichen und Straftaten. Das ist laut Braun nur eine von mehreren Maßnahmen gegen Gewalt an der Schule. Das Thema kam im September 2008 wieder auf, als ein Schuldirektor in der Direktion von einem 19-Jährigen mit dem Baseballschläger zusammengeschlagen wurde.

Die Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner, die im Bereich Präventionspädagogik forscht, hat im Rahmen einer Befragung festgestellt, dass acht von zehn Lehrern bei Schülern eine gestiegene Gewaltbereitschaft feststellen. Perner meint, dieses Ergebnis "war absehbar". Denn vonseiten der Lehrer werde stets mit Verboten und Strafen - "auch alles Gewaltlösungen" - geantwortet. Sie wünsche sich mehr Kreativität und Humor im Umgang mit Problemsituationen.

Darüber wird wohl auch beim Antigewaltgipfel mit 600 Beteiligten kommenden Freitag debattiert. Der 28. November ist gleichzeitig ein bundesweiter Aktionstag gegen Gewalt an Schulen. (Gudrun Springer, Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 25.11.2008)

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    Jugendpsychiater Werner Leixnering: "Fad alleine reicht nicht. Es stecken immer psychische Nöte dahinter. Ein geringer Selbstwert, Leistungsdruck, die Angst zu versagen."

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