Sprachliche Versuchsanordnungen

24. November 2008, 18:04
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Der "Open Mike"-Literaturwettbewerb gastierte in Wien

Wien - War es früher die Schublade, ist es nun der Blog. Doch das Schreiben für das eigene Schatzkästlein bleibt, ob analog oder digital, meist unbelohnt. Mehr Reaktion erhofften sich die 650 Teilnehmer des 16. „Open Mike"-Literaturwettbewerbs, dessen Sieger am Wochenende in Wien gastierten.

Gemeinsam mit Feridun Zaimoglu und Monika Rinck ermittelte der Autor Thomas Glavinic die diesjährigen Sieger des Wettbewerbs der Literaturwerkstatt Berlin. Der dortige Sieg gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen für junge deutschsprachige Literaturschaffende, manche vergleichen ihn mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis. Jungen Autoren „über die Schwelle", also zum Verlag zu verhelfen, ist für Thomas Wohlfahrt, Leiter der veranstaltenden Literaturwerkstatt Berlin, das Ziel. Die Teilnehmer dürfen nicht über 35 Jahre alt sein und über keine eigene Publikation verfügen.

Sechs Verlagslektoren (u. a. Diogenes, DuMont, Rowohlt) nominierten 22 Finalisten. Diese verlesen in knappen 15 Minuten ihre Texte - ob kurze Prosa, einen geschlossenen Auszug aus einem Großtext oder Lyrik - an zwei Finaltagen vor der Literaten-Jury: Das Publikum vergibt einen eigenen Preis.

Sprache als Versuchsanordnung

Bisherige Gewinner sind etwa Karen Duve, Kathrin Röggla oder Tilman Rammstedt. Das Preisgeld von 7500 Euro teilen sich heuer die beiden Prosaautorinnen Sonia Petner und Svealena Kutschke mit dem Sieger in der Kategorie „Lyrik", dem in Vietnam geborenen Kölner Thien Tran. Sprache sei für ihn eine Versuchsanordnung, Dinge anders zu sagen - sein technoid-naturwissenschaftlicher Duktus klingt wie eine sympathische Abhandlung eines Physik-Almanachs.

Was in Berlin bereits kritisiert wurde, forderte Juror Glavinic anlässlich der Lesung der drei Sieger im Wiener Schauspielhaus ein: mehr Mut beim Schreiben, anstatt vermutete Erwartungshaltungen erfüllen zu wollen. „Wenn junge Menschen über alte oder mittelalte Menschen schreiben", wirke das für Glavinic wie der „Versuch, Literatur zu imitieren".

Die zwei Autorinnen verzogen dabei keine Miene, ihre Texte beackerten durchwachsene Beziehungskonstellationen. Etwa die in Zitronen, einer fiktionalen Kindheitserinnerung der erstplatzierten Sonia Petner. Im Kontrast zur trostlosen Lebenswelt im Polen der 1980er, die die 1979 Geborene verhandelte, stehen ihre geradezu farbenfrohen Bilder von rosarotem Schlick und dunkelblauen Gummistiefeln.

Kutschke lotete im Kurztext Rückspiegel Schuldgefühle und Bindungsängste aus. Im Schreiben erlebe sie den Zustand, „in dem ich mein Hirn am liebsten mag". Ihr Roman Etwas Kleines gut versiegeln wird im Frühjahr 2009 von Wallstein veröffentlicht. Alle Wettbewerbstexte des 16. „Open Mike" sind im Allitera Verlag erschienen. (Georg Horvath/DER STANDARD, Printausgabe, 25.11.2008)

 

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