Nach der steilen Bergfahrt rasch ins Tal

24. November 2008, 16:13
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Dramatische Verteuerungen von Rohöl, Treibstoffen und Stromhaben die Verbraucher in den vergangenen Monaten in Atem gehalten

Dramatische Verteuerungen von Rohöl, Treibstoffen und Stromhaben die Verbraucher in den vergangenen Monaten in Atem gehalten. Mit Finanzkrise und Wirtschaftsabschwung hat sich der Wind gedreht. Der Verbrauch sinkt, Energie ist wieder erschwinglich.

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Die Rohölpreise haben eine atemberaubende Berg- und Talfahrt hinter sich. Selbst langjährige Beobachter geben zu, bisher nichts Vergleichbares gesehen zu haben.

Die Preisrallye begann vor dem Sommer. Eine anhaltend robuste Nachfrage aus den meisten Industriestaaten und der zunehmende Energiehunger von Schwellenländern wie China oder Indien wurden als Gründe für den Preisauftrieb bei Rohöl angeführt.

Verstärkt wurde der Trend durch die Tatsache, dass immer mehr vagabundierendes Kapital, das zuvor in Immobilienprojekten geparkt war, nach einer attraktiven Veranlagung suchte - und in Rohölkontrakten fand.
Anfang Juni 2008 überschlugen sich die Ereignisse. Der Preis für US-Leichtöl der Sorte WTI schnellte auf 136 Dollar je Fass (159 Liter) hinauf, ein nie zuvor gesehener Preissprung von 16 Dollar innerhalb zweier Tage. Mit dem Rohöl galoppierten auch die Preise daraus gewonnener Produkte wie Treibstoffe oder Heizöl davon.

"Große Sorge" äußerten die Energieminister der sieben größten Industrienationen und jener Russlands (G8), als sie sich im Juni in der japanischen Stadt Aomori zusammenfanden. Wenn nichts unternommen werde, "könnte dies eine Rezession der globalen Wirtschaft hervorrufen", sagte Japans Energieminister Akira Amari. Die Rezession ist gekommen, aber anders als sich Experten das zum damaligen Zeitpunkt ausgemalt haben.
Trügerisches Glück

Am 11. Juli 2008 markierte US-Leichtöl mit 147,27 Dollar einen Rekordwert. Die Nordseesorte Brent übersprang ebenfalls die 140-Dollar-Marke. Anschließend ging es ebenso rapid bergab wie zuvor hinauf. Derzeit kostet Rohöl soviel wie vor dreieinhalb Jahren: rund 50 Dollar (39,9 Euro) je Fass.

Noch einmal Glück gehabt, sagen manche. Diese Einschätzung trügt. Das "Glück" ist mit einem veritablen Wirtschaftseinbruch erkauft. Weil Ölkonzerne inklusive OMV als Reaktion auf den Nachfrageeinbruch angekündigt haben, Investitionen in die Suche neuer Ölvorkommen zu verschieben, könnte es mit dem nächsten Konjunkturaufschwung schon wieder zu Engpässen kommen - und zu vermutlich neuen Rekordpreisen.

Auch Strom hat sich verbilligt, wiewohl Rohöl so gut wie keinen Einfluss auf die Preisbildung bei elektrischer Energie in Europa hat. Die großen Kraftwerksbetreiber in Deutschland spielen eine viel wichtigere Rolle.

Eon, RWE, EnBW und Vattenfall Europe bestimmen ihre Stromanteile aus Atomkraft, Kohlekraftwerken und sonstigen Energiequellen und haben auch bei der Preisbildung an der Strombörse in Leipzig (EEX) Gewicht. Weil die Energieerzeuger in Österreich sich ebenfalls an der Börse Leipzig orientieren, sind letztlich auch die heimischen Haushalte tangiert.

Strom wird auf dem Energiemarkt als Grund- (Base) und Spitzenlast (Peak) angeboten. Base-Lieferung heißt, dass eine bestimmte Strommenge in konstanter Höhe über 24 Stunden am Tag bezogen werden muss, die Peak-Lieferung steht für die konstante Stromlieferung zwischen acht Uhr morgens und acht Uhr abends. Zusammen mit anderen Faktoren leitet sich daraus die reale Bezugskurve ab.

Die Stromerzeugung dieser beiden Produkte erfolgt in unterschiedlichen Kraftwerken. Grundlaststrom wird vorwiegend in Braunkohle- und Flusskraftwerken, in Deutschland auch in Atomkraftwerken erzeugt. Spitzenlast kommt im Regelfall aus Steinkohle-, Gas- und Ölkraftwerken, in Österreich auch aus Pumpspeicheranlagen. Dass eine Energieform die andere direkt beeinflusst, ist aus den Preiskurven nicht ableitbar (siehe Grafik). Welche Elemente sind also tatsächlich preisbildend?

CO2 beeinflusst Strompreis

Hierzu hat der deutsche Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft e. V. eine Untersuchung veröffentlicht. Er versuchte, die Base-Preise der Börse anhand mathematischer Modelle nachzuvollziehen, die auf Rohölpreisen, Kraftwerkskohlepreisen, Erdgaspreisen und CO2-Zertifikatspreisen beruhen. Das Ergebnis: Trotz aller Bemühungen konnte kein Zusammenhang zwischen Strompreis, Kohlepreis-, Öl- und Gaspreisnotierung gefunden werden. Erst als die CO2-Emissionspreise als einzige Preisbestandteile eingesetzt wurden, zeigten sich deutliche Zusammenhänge. Das bedeutet, dass der Grundlastpreis derzeit fast ausschließlich von der Preisnotierung der CO2-Zertifikate bestimmt wird.

Beim Gaspreis gibt es vermehrt Versuche, die in Langfristverträgen festgeschriebene Bindung an den Ölpreis aufzuheben, bisher mit wenig Erfolg. Der Gaspreis folgt seit Beginn der Preisbindung in den 1960er-Jahren dem Ölpreis im Abstand von einem knappen halben Jahr. Während der Ölpreis von seinem Mitte Juli erreichten Rekordstand fast zwei Drittel nachgegeben hat, haben wir die Preisspitze bei Gas eben erreicht. Die Gaspreise für Konsumenten sind erst kürzlich wieder kräftig gestiegen. Verbilligungen haben die Versorger für das erste Quartal 2009 angekündigt - nach der Heizsaison. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2008)

  • Ölkonzerne gehen als Reaktion auf den Nachfrageeinbruch auf die Suche nach neuen Ölvorkommen.
    foto: standard/andy urban

    Ölkonzerne gehen als Reaktion auf den Nachfrageeinbruch auf die Suche nach neuen Ölvorkommen.

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