Die Zukunft ist kopierschutzfrei

24. November 2008, 16:48
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"Anfang 2009 werden wir den gesamten Musik-Katalog DRM-frei anbieten - ein Jahr darauf nur noch MP3s verkaufen", sagt Joachim Franz von Musicload im Interview mit derStandard.at

Das Musik-Download-Portal Musicload, eine Tochter der Deutschen Telekom, ist vergangenen Sommer in Österreich gestartet und will eine alternative zum Branchenprimus iTunes Music Store von Apple stellen. Ein lokal zugeschnittenes Portfolio, eine flexible Preisgestaltung und vor allem der Verzicht auf Kopierschutzmaßnahmen soll Neukunden locken. "Wir haben mit allen Major-Labels Verträge für die Umstellung auf das MP3-Format unterzeichnet und werden im Verlauf des ersten Quartals 2009 den gesamten Katalog auf das kopierschutzfreie Format umstellen", kündigt Joachim Franz, Vicepresident Musicload, im Gespräch mit Zsolt Wilhelm an.

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derStandard.at: Das Musikgeschäft befindet sich seit einigen Jahren im Wandel. Das Geschäft mit CDs geht zunehmend schlechter, während immer mehr Musik als digitale Downloads verkauft wird. Allerdings monieren die Plattenlabels, das Download-Geschäft könne die Verluste beim CD-Verkauf nicht wett machen...

Joachim Franz: Dazu muss man feststellen, dass die Musiknutzung beim Endkunden noch nie so groß war wie heute. Musik ist nach wie vor ein Massenphänomen, wie Filme oder Sport. Mit Online-Angeboten stellen wir dem illegalen Download eine legale und ertragreiche Alternative entgegen. Wir sehen, dass die Single-CD inzwischen aus dem physischen Handel verschwindet, weil sie bei den Retailern wahrscheinlich nicht mehr profitabel verkauft werden kann und vorwiegend online gekauft wird. So gesehen findet der Wandel jetzt schon im positiven Sinne statt.

derStandard.at: Aber nicht in dem Maß, wie es sich die Musikindustrie vorstellt...

Joachim Franz: Natürlich ist es unser Ziel, den Musik-Download-Markt zum Massenmarkt zu machen und, dass die illegale Nutzung zurückgeht. Wir sehen die Entwicklung allerdings positiv. Die Talsohle ist durchschritten. Die Online-Angebote fangen durchaus schon an zu kompensieren, was am illegalen Markt verloren geht.

derStandard.at: Wenn wir vom Massenmarkt sprechen. Wie sieht denn der typische Downloader heute aus?

Joachim Franz: Während es zu Beginn eher jüngere Bevölkerungsschichten waren, sind es nun mehrheitlich Personen Mitte 20, Ende 30. Das Verhältnis Männer zu Frauen liegt bei etwa 60 zu 40. Die Kunden befinden sich verstärkt in ländlichen Gegenden, aufgrund der schlechteren Anbindung zu Plattengeschäften, etc.

derStandard.at: Wie hoch schätzen Sie das Potenzial des Download-Geschäfts ein?

Joachim Franz: International gesehen machen legale Downloads bereits 10 bis 15 Prozent des Umsatzes im Musikgeschäft aus. Auf jeden Fall vorstellbar ist ein Wachstum auf rund 50 Prozent des Gesamtmarktes. Ich will mich nicht auf das Jahr festlegen, aber wir verzeichneten in der vergangenen Zeit beim Wachstum jedes Jahr einen zweistelligen Prozentsatz. Allein im Geschäftsjahr 2007 gab es am gesamten Download-Markt ein Wachstum von über 30 Prozent.

derStandard.at: Wie sieht es aus mit der Nutzung des Mobilfunks? In Japan beispielsweise ist der direkte Download auf das Handy bereits sehr verbreitet.

Joachim Franz: Die Verbreitung von Musik-tauglichen Handys ist bereits sehr groß. Allerdings gibt es hier unserer Meinung nach immer noch zu viele Unklarheiten und technische Hürden für den Kunden, um Musik direkt über das Mobilfunknetz zu beziehen.

derStandard.at: Dennoch ein Zukunftsmarkt?

Joachim Franz: Die Verbreitung von Daten-Flatrates am Mobilfunkmarkt ist der entscheidende Hebel dazu. Der Kunde darf sich keine Sorgen machen müssen, zusätzliche Kosten in Kauf nehmen zu müssen.

derStandard.at: Apropos Sorgen: Bislang scheint potentielle Neukunden, abgesehen vom Preis, vor allem der restriktive Kopierschutz bei legalen Musik-Downloads abgeschreckt zu haben...

Joachim Franz: Das kopierschutzfreie Format ist eine der wichtigsten Initiativen, die wir in den vergangenen Jahren verfolgt haben. Denn wir wussten schon frühzeitig, dass DRM-Maßnahmen die Konsumenten abhalten.

derStandard.at: Ihrem Angebot ist zu entnehmen, dass Musicload 5 Millionen Songs anbietet, wobei die Hälfte davon als MP3 ohne Kopierschutz verfügbar ist. Wie geht es weiter?

Joachim Franz: Wir haben mit allen Major-Labels Verträge für die Umstellung auf das MP3-Format unterzeichnet und werden im Verlauf des ersten Quartals 2009 den gesamten Katalog auf das kopierschutzfreie Format umstellen. Nach einem Jahr werden wir dann den Schnitt machen und nur noch kopierschutzfreie Musik anbieten.

derStandard.at: Sind die MP3-Dateien dann teurer?

Joachim Franz: Das war Anfangs so – stark getrieben durch die Philosophie des Labels EMI. Die Argumentation lautete, der DRM-freie Song böte mehr Nutzwert und müsse daher mehr kosten. Wir sind nicht dieser Meinung und versuchen die Preise gleichzusetzen.

derStandard.at: Apple dominiert mit dem iTunes Music Store in Europa und den USA den digitalen Musikmarkt. Wo sehen Sie Chancen im Markt Fuß zu fassen?

Joachim Franz: Eine unserer Stärken ist sicher das Angebot von Musik im MP3-Format. Apple bietet zwar auch DRM-freie Musik an, aber im weniger verbreiteten AAC-Format – zu Lasten der Interoperabilität. Die Nutzbarkeit auf allen Geräten ist für uns ein wichtiges strategisches Asset. Der zweite Punkt ist, dass wir im deutschsprachigen Raum zuhause sind und eine eigene Redaktion betreiben, die sich um die Inhalte kümmert. Für den Start in Österreich haben wir etwa eine Reihe an österreichischen Künstlern in unser Portfolio aufgenommen. Die Zusammenarbeit mit den lokalen Labels funktioniert gut. Das sehen wir als Wettbewerbsvorteil gegenüber ausländischen, amerikanischen Anbietern.

derStandard.at: Gleich mehrere Anbieter haben in jüngster Zeit alternative Geschäftsmodelle für ihre Musik-Shops angekündigt. Von der Download-Flatrate bis zum Streaming ist da alles dabei. Steve Jobs meinte einmal, dafür gäbe es keinen Bedarf, die Leute wollen ihre Musik kaufen und besitzen. Stimmen Sie dem zu?

Joachim Franz: Ja. Der dominante Trend ist der Kauf von DRM-freier Download-Musik. Aber dennoch gibt es alternative Trends. Beispielsweise scheint der Kunde auch empfänglich zu sein für Bundles.

derStandard.at: So wie einst die Bravo-Hits...

Joachim Franz: Genau. Das sind thematische Bundles im Zuge dessen der Kunde Musik zu einem attraktiven Preis kaufen kann. Zur Fußball-EM hatten wir etwa 10 der beliebtesten Fußball-Songs um 6,95 Euro. Also deutlich billiger, als der Einzelstückpreis.

Dieses Geschäftsmodell lässt sich weiterdenken, in Richtung Abonnements. Da gäbe es dann Volumskontingente zu 25 oder 30 Songs im Monat zum Festpreis.

derStandard.at: Nokia hat angekündigt eine Jahres-Flatrate anbieten zu wollen, bei der man herunterladen könne, so viel man wolle und die Musik nachher noch behalten kann. Würde sich dieses Modell für Sie rechnen?

Joachim Franz: Ein Fakt ist sicherlich, dass wenn man eine unlimitierte Flatrate anbietet, nur ein ganz kleiner Teil der Konsumenten das auch ausschöpfen würde. Das haben unsere Marktanalysen ergeben. Daher kann eine Flatrate aus wirtschaftlicher Sicht funktionieren. Wir glauben aber eher, dass der Kunde auf die Qualität als die Quantität setzt. DRM-Freiheit und Soundqualität sind gefragt.

derStandard.at: In welcher Qualität bieten Sie MP3-Songs an?

Joachim Franz: Ab 256 Kilobit pro Sekunde. Ein großer Sprung: Gestartet sind wir damals mit Musik im WMA-Format und 128 kb/s.

derStandard.at: Damit haben Sie sich auch bestimmt nicht sehr beliebt gemacht...

Joachim Franz: Das war damals eine Vertragsbedingung der Musik-Labels.

derStandard.at: Ist Musicload bis heute profitabel geworden?

Joachim Franz: Dazu machen wir keine Angaben. Aber das Musik-Download-Geschäft zeugt von geringen Margen. In Deutschland sind wir mit 3,6 Millionen registrierten Kunden aber schon etabliert. In Österreich liegt noch Entwicklungsarbeit vor uns.

derStandard.at: Analysten spekulieren auch immer wieder über den Ertrag von iTunes. Oft heißt es, Apple würde das Geschäft mit dem Verkauf von MP3-Playern gegenfinanzieren. Wie funktioniert das bei Musicload.

Joachim Franz: Musicload muss sich selbst tragen. Insofern gibt es hier keine Subventionierungseffekte. Der Preis ist deshalb definitiv ein heißes Thema.

derStandard.at: Vom Modell 99 Cent pro Song scheinen sich die Anbieter abseits von Apple zunehmend zu differenzieren. Ist das sinnvoll?

Joachim Franz: Ja, aus unserer Sicht ist eine flexible Preisgestaltung sinnvoll. Das gibt uns die Freiheit bei Abverkäufen, Bundles und Alben Einzelstückpreise von 49 oder 69 Cent zu führen. Dann aber bei Chart-relevanten Songs Preise von über einem Euro zu haben. Unser Ziel ist es insbesondere den Hintergrund-Katalog künftig noch billiger anzubieten, um den Kunden leichter in Berührung mit Musik und verschiedenen Genres zu bringen.

derStandard.at: Glauben Sie, haben abseits der Major-Labels die Independent-Studios von den Download-Plattformen profitiert?

Joachim Franz: Die Independent-Musiker werden bei uns über Aggregate angeboten. Der Zuspruch lokaler Studios ist allgemein sehr groß, da ein neuer Vertriebskanal – jetzt auch in Österreich – zur Verfügung steht.

derStandard.at: Haben die Download-Stores den Musikmarkt wiederbelebt?

Joachim Franz: Ich denke schon. Ein Vorteil ist sicher, dass wir online auch Platz für weniger nachgefragte Musiker haben, zumal im physischen Geschäft auch immer mehr Plattengeschäfte zusperren mussten. Der Weg vom Studio zum Vertrieb ist nun wesentlich kürzer und günstiger.

derStandard.at: Vielen Dank für das Gespräch. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 24.11.2008)

  • Joachim Franz, Vicepresident Musicload:
"International gesehen machen legale Downloads bereits 10 bis 15 Prozent
des Umsatzes im Musikgeschäft aus. Auf jeden Fall vorstellbar ist ein
Wachstum auf rund 50 Prozent des Gesamtmarktes."
    musicload

    Joachim Franz, Vicepresident Musicload:

    "International gesehen machen legale Downloads bereits 10 bis 15 Prozent des Umsatzes im Musikgeschäft aus. Auf jeden Fall vorstellbar ist ein Wachstum auf rund 50 Prozent des Gesamtmarktes."

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