Fall Trintignant: Pardon für den Mörder?

24. November 2008, 19:21
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Gemischte Gefühle in Frankreich: Fünf Jahre nach dem gewaltsamen Tod der Schauspielerin Marie Trintignant kehrt der Täter in die Öffentlichkeit zurück

Seit Mitte vergangener Woche machte die Meldung zunächst in Frankreich, dann in Italien, Spanien, der Schweiz und Kanada Schlagzeilen: Bertrand Cantat singt wieder. Der Frontmann der französischen Rockgruppe "Noir désir" hatte vor gut fünf Jahren, Ende Juli 2003, seine Partnerin, die 41jährige Schauspielerin Marie Trintignant, ins Koma geprügelt und anschließend so lange bewußtlos liegen lassen, daß auch ärztliche Hilfe sie nicht mehr retten konnte.
Die Tochter des Schauspielers Jean-Louis und der Regisseurin Nadine Trintignant war Mutter von vier Kindern, die beiden Jüngsten damals erst sieben und fünf Jahre alt. Wegen Totschlags und unterlassener Hilfeleistung wurde Cantat zu einer Haftstrafe von acht Jahren verurteilt. Bereits im Oktober 2007 kam er wegen guter Führung unter Auflagen frei.

Das letzte Album der in Frankreich sehr populären Band "Noir Désir" (Schwarzes Begehren) war im September 2001 erschienen. Jetzt hat die Gruppe auf ihrer Homepage zwei neu aufgenommene Lieder veröffentlicht, gesungen von Bertrand Cantat.

Zurückhaltende Berichterstattung

Die Zeitungen, vom "Figaro" bis zur "Humanité", berichteten zurückhaltend - neutral über dieses Comeback. Es scheint, als wartete man die Reaktionen des Publikums ab. Und die fallen natürlich kontrovers aus, wie die Diskussionsforen von Zeitungen wie "Le Monde", "Le Parisien" und "L´Humanité" zeigen. "Skandalös", "erschreckend", "indezent" urteilen die einen, solidarisieren sich mit dem Opfer und seiner Familie und finden vor allem jegliche politisch-moralische Belehrung durch den Täter unerträglich. Viel zu früh sei der wieder an die Öffentlichkeit getreten. Zahlreiche Fans der Gruppe freuen sich hingegen, neue Songs von der Gruppe zu hören. "Das Privatleben anderer geht mich nichts an", befand ein Leser. Eine Leserin meinte, der Totschlag, von ihr als "dieses schreckliche Ereignis von 2003" bezeichnet, als handele es sich um eine Naturkatastrophe, sei doch längst juristisch abgegolten.

Doch nicht nur an den Stammtischen, auch in den "objektiven" Medien kursieren problematische Darstellungen und Sichtweisen. So heißt es im deutschen Wikipedia- Beitrag über Marie Trintignant, sie sei infolge eines "beiderseits gewaltsamen Eifersuchtsstreits" gestorben, obwohl dazu lediglich die Aussage des Täters vorliegt. Artikel vor allem männlicher Autoren wecken Mitleid mit dem Täter und enthalten versteckte Schuldzuweisungen an die getötete Schauspielerin oder verharmlosen das Verbrechen als Liebes- und Leidenschaftsdrama.

Mutter publizierte Buch

Solchen Interpretationen hatte sich Nadine Trintignant, die Mutter des Opfers, bereits im Oktober 2003 mit ihrem Buch "Ma fille, Marie" (dt.: "Meine Tochter, mein Leben", Knaur Tb) energisch entgegengestellt. Darin schilderte sie ihre Beziehung zu ihrer Tochter und klagte Bertrand Cantat als Mörder an. Der Rechtsanwalt des Sängers versuchte vergeblich, das Buch verbieten zu lassen.

Bei der Beerdigung der Schauspielerin auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise, an der Tausende teilnahmen- neben Prominenten der französischen Kulturszene auch Aktivistinnen des Netzwerks "Encore féministes!"- betonte der damalige Kulturminister Jean-Jacques Aillagon die Notwendigkeit des Kampfes für die vollständige Durchsetzung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

Statistische Aufarbeitung der Gewalt

Die Sensibilität für Gewalt gegen Frauen ist in Frankreich spätestens seit der Jahrtausendwende - 1999 wurden 400 getötete Frauen gezählt - gestiegen. Seitdem hat es mehrere statistische Untersuchungen über Mißhandlungen von Frauen in der Partnerschaft gegeben. 2001 starb in Frankreich durchschnittlich alle fünf Tage eine Frau an häuslicher Gewalt, 2004 fielen 162 Frauen der Gewalt ihrer Partner zum Opfer.

Die Täter, schrieb Nadine Trintignant in ihrem Buch, "leben nicht zwangsläufig in Elendsvierteln. Es sind auch Männer darunter, die Zugang zur Kultur, also zum Denken haben, Männer rechter Gesinnung und, ob uns das paßt oder nicht, auch solche der sogenannten Linken."
Ihr zufolge soll Bertrand Cantat schon früher seine Partnerinnen, darunter seine Ehefrau, verprügelt haben. Vor Gericht ausgesagt hat jedoch keine von ihnen.
Nadine Trintignant unterstützt heute Organisationen, die die Gewalt gegen Frauen bekämpfen und fordert härtere Strafen für Gewalttäter. Gegen die vorzeitige Entlassung von Bertrand Cantat im vergangenen Herbst hat sie - vergeblich- protestiert.

"Sei artig, o mein Schmerz, und halt dich stille", hatte Marie ihrer Mutter 14 Tage vor ihrem Tod in einer SMS geschrieben, ein Baudelaire- Zitat, signiert "die geschlagene Fifille". Daß sie tatsächlich von ihrem Partner geschlagen wurde, begriff die Mutter zu spät. (Cristina Fischer, dieStandard.at, 24.11.2008)

Von Gastautorin Cristina Fischer.

  • Nadine TrintignantMarie. Meine Tochter, mein Leben. (Taschenbuch)Verlag Droemer/KnaurISBN-13: 978-3426627983 
    cover: knaur

    Nadine Trintignant
    Marie. Meine Tochter, mein Leben. (Taschenbuch)
    Verlag Droemer/Knaur
    ISBN-13: 978-3426627983 

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