Die Bremer Gasrebellen

24. November 2008, 16:06
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Weil sie die immer höheren Gaspreise nicht mehr hinnehmen wollten, gründeten Bremer Bürger ihre eigene Energiegenossenschaft

Weil sie die immer höheren Gaspreise nicht mehr hinnehmen wollten, gründeten Bremer Bürger ihre eigene Energiegenossenschaft. Nach etlichen Anläufen soll die unabhängige Versorgung mit Gas zum Jahreswechsel starten, Alternativstrom wird bereits geliefert.

Dass es funktionieren kann, sich aus einer aussichtslosen Lage zu retten, indem man sich zusammentut und einen Neuanfang wagt – das haben schon die vier Tiere aus dem Grimm'schen Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten" gezeigt.

Keinen anderen Ausweg sahen auch jene acht Bremer Bürger, die sich im März 2006 zusammenschlossen und die Bremer Energiehaus-Genossenschaft gründeten. Seither kämpfen sie darum, sich vom dortigen Monopolisten, den Bremer Stadtwerken (swb), unabhängig zu machen und den Ein- und Verkauf von Gas in die eigene Hand zu nehmen. Nach mehreren Anläufen, die aufgrund verschiedener Hürden immer wieder verschoben werden mussten, soll die Energieversorgung zum Jahreswechsel für vorerst rund 800 Bremer Genossen beginnen – sofern alles klappt.

Der Anlass ist heute aktueller denn je: Sprunghaft steigende Energiepreise, deren Zustandekommen für die Konsumenten weitgehend undurchsichtig bleibt. "In den letzten vier Jahren gab es eine 100-prozentige Preissteigerung", rechnet Michael Großer, einer der beiden Vorstände der Genossenschaft, vor. Die Preiserhöhung lasse sich nicht allein durch Inflationsrate und Verteuerung der Rohstoffe erklären, vielmehr müsse man von saftigen Gewinnspannen für die Energiekonzerne ausgehen.

Das stieß den Bremern schon im Jahr 2004 auf, als die Proteste begannen und 2005 in der Gründung der Bürgerinitiative gegen Gaspreiserhöhung mündete. Knapp 20.000 Kunden des regionalen Versorgers beteiligten sich an einem Gaspreisboykott, kündigten ihre Einzugsermächtigungen und zahlen seither nur Teilbeträge ein. Eine Gruppe von 59 Klägern zog vor Gericht, um eine Kostentransparenz zu erzwingen, in erster und zweiter Instanz bekamen sie Recht, die Berufung der swb ist noch beim Bundesgerichtshof anhängig. "Es gibt 35 ähnlich gelagerte Sammelklagen aus ganz Deutschland" , weist Großer auf die Tragweite des Urteils hin.

Monopolistische Strukturen brechen

Ob die Genossenschaft Anfang nächsten Jahres beginnen kann, endlich Gas auszuliefern, ist nun davon abhängig, wie viel die swb den Preis zurückschraubt. Denn wie auch einige österreichische Anbieter hat auch die swb angekündigt, den Gaspreis in den nächsten Monaten an den gefallenen Ölpreis anzupassen. "Ziel ist es, unseren Mitgliedern Einsparungen von fünf bis zehn Prozent zu ermöglichen", sagt Großer. "Den meisten Mitgliedern geht es aber nicht nur ums Geld. Der Hauptantrieb ist, die monopolistischen Strukturen zu brechen."

Denn auch wenn der Markt seit 2005 liberalisiert ist, gibt es bisher noch keine Konkurrenz zu den Bremer Stadtwerken. Das liege daran, dass die Benutzungsgebühren für die Leitungen durch andere Lieferanten exorbitant hoch seien und der eingesessene Versorger alles tue, um es Mitbewerbern schwer zu machen. Doch die Genossen ließen sich nicht unterkriegen. "Alle vertraglichen und technischen Fragen sind gelöst, die Infrastruktur steht", zeigt sich Großer zuversichtlich. Bereits seit April dieses Jahres wird günstiger Strom an die Mitglieder geliefert.

Wenn erst die Hansestadt auf einen alternativen Gaslieferanten zurückgreifen kann, soll das Versorgungsgebiet schrittweise auf das umliegende Niedersachsen erweitert werden, wo Großer zufolge schon rund 3500 registrierte Interessenten in den Startlöchern scharren. Darüber hinaus hat die Gasrebellion von Bremen bundesweit Bürgerinitiativen auf den Plan gerufen, die sich ebenfalls gegen die marktbeherrschenden Konzerne wehren wollen. Großer schwebt bereits ein Einkaufsverbund aus alternativen Betreibern vor.

Österreicher wenig wechselfreudig

In Österreich sind derartige Protestmaßnahmen eher unwahrscheinlich. Zwar hätte es innerhalb des letzten Monats 300.000 Zugriffe auf den Tarifkalkulator und 3000 Hotline-Anfragen bei der Regulierungsbehörde E-Control gegeben – so viele wie noch nie -, die Motivation für genossenschaftliche Aktivitäten sei aber aufgrund der Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln und sich damit bis zu 215 Euro im Jahr zu sparen, für Privatkunden gering, sagt Michael Schmölzer, Abteilungsleiter Gas der E-Control.

Den Anbieter zu wechseln empfiehlt auch Christoph Chorherr von den Wiener Grünen. "Bevor ich mit großem Aufwand Eigenimporteur werde, nehme ich mir die fünf Minuten Zeit, mich über andere Anbieter zu informieren."

Bloß: Obwohl bereits seit 2002 etliche alternative Gas- und Stromanbieter auf dem Markt sind, haben erst vier Prozent der Kunden gewechselt, vor allem Großverbraucher. Dass die Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln, wenig bekannt ist und die Preisgestaltung auch in Österreich nicht nachvollziehbar ist, kritisiert die Arbeiterkammer und fordert ein transparenteres System zur Preisregulierung. "De facto haben wir ein Kartell" , meint Josef Moser von der Arbeiterkammer Oberösterreich. Wer seiner Rechnung nicht traut oder sonstige Probleme mit seinem Energieversorger hat, kann sich an die unabhängige Schlichtungsstelle der E-Control wenden – oder nach Bremen schielen. (Karin Krichmayr, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.11.2008)

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    Auf die eigenen Beine gestellt haben sich schon die Bremer Stadtmusikanten.

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