Alles wie in Russland - Claudia Erdheim

24. November 2008, 15:54
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Die Damen wollen Fisch kaufen. Die beiden tun so, als ob das ganz normal ist, dass man in New York russische Lebensmittel kauft. Damit nicht alles russisch ist, kaufe ich einen kalifornischen Wein

Warum sind wir hier hergefahren? Wir sind ja in Russland. Alles auf Russisch. Moroschenoje Eis, knigi Bücher, rasprodascha Ausverkauf, schuby Wintermäntel - und das bei der Hitze, Café Arbat, Restaurant Odessa. Russische Tücher, Frauen, die auf der Straße Pirogen verkaufen. Man hört nur Russisch. Nur dass wir in Brighton Beach sind, am untersten Ende von Brooklyn, nicht weit von Coney Island.

Es ist ja ganz angenehm, dass alle Leute Russisch sprechen, mein Englisch ist eh hundsmiserabel, und Russisch kann ich ganz gut. Aber eigentlich wollte ich ja nach Amerika. Meine russische Freundin Zina aus Lemberg hat alles organisiert. Genaugenommen ihre ukrainische Freundin Ira aus Rochester, die mit uns einige Tage in New York verbringen will und zuerst mich vom Flughafen Newark und dann Zina vom J.-F.-KennedyFlughafen mit einem ukrainischen Taxifahrer abgeholt hat.

Der Taxifahrer fährt uns nach Brighton in ein russisches Hotel. Der Besitzer, ein Russe, natürlich ein russischer Jude, mit einem riesigen Bauch, denkt gar nicht daran, uns mit dem Gepäck zu helfen. Er kann nichts tragen, weil er gerade eine schwere Operation hatte. Und der Taxifahrer kann auch nichts tragen, weil er kürzlich eine Bypass-Operation hatte. Müssen wir unsere Koffer selbst die steile Treppe hinaufschleppen. Ein Gang mit vier kleinen Zimmern, zwei Toiletten und zwei Duschen am Gang. 70 Dollar. Für New York ist das billig. Zina und Ira nehmen zusammen ein Zimmer. Die Russen können ja auf winzigstem Raum zusammenwohnen. Das sind sie aus sowjetischen Zeiten gewohnt. Ich hab wenigstens allein mein Zimmer. Aber es gibt keinen Internetanschluss. Ist auch nicht zu erwarten in so einem Tschocherlhotel.

"Sogar das Haus erinnert mich ein bisserl an Russland"

Wir müssen gleich wieder los. Der Taxifahrer wartet auf uns. Ira will, dass er uns noch ins Reisebüro fährt. Sie hat eine Exkursion nach Boston und Washington telefonisch bestellt und die müssen wir jetzt unbedingt sofort bezahlen. Das Reisebüro ist natürlich auch russisch. Und die Exkursionen werden natürlich auf Russisch sein. Hätte ich gar nicht so viel Englisch lernen müssen. Der Taxifahrer ist gar kein richtiger Taxifahrer, er ist ein Bekannter von Ira und war in Lemberg Zahnarzt. Er lebt aber hier vom Taxifahren, fährt aber nur mit seinem eigenen Wagen. Seine Kunden sind russische Juden. Er hat auch so einen großen Bauch und vorn ganz kaputte Zähne.

Er lädt uns noch auf einen Tee zu sich nach Hause ein. Er wohnt ganz in der Nähe des Hotels. Eine kleine Zweizimmerwohnung. Schaut auch irgendwie sowjetisch aus, sogar das Haus erinnert mich ein bisserl an Russland. Es wohnen auch nur Russen in dem Haus. An der Tür des Nachbars ist eine Mesusa angebracht. Zorjan, der Taxifahrer, sagt, es gibt im Haus viele Leute, die eine Mesusa angebracht haben. Das kenn ich von Israel. Manche sowjetische Juden sind plötzlich fromm geworden. Die Frau arbeitet als Homeworker bei russischen Juden. Sie kann kein Wort Englisch. Braucht sie auch nicht, sie kennt nur Leute, die Russisch oder Ukrainisch sprechen. Sie verdient acht Dollar in der Stunde. Die Wohnung kostet 1200 Dollar. Das ist viel. Aber sie sind zufrieden. Nach Lemberg wollen sie nicht mehr zurück.

Dann fährt uns Zorjan in ein Geschäft, wo man billig einkaufen kann und die Verkäufer Russisch sprechen und gleich daneben zeigt er uns ein russisches Restaurant, wo man billig essen kann. Im Geschäft gibt es nur grausliche Sachen, Brot, dem man schon von weitem ansieht, dass es ungenießbar ist. Zina muss gleich billige T-Shirts anschauen. Sie wird noch sechs Wochen lang Gelegenheit haben, Fetzen anzuschauen. Aber gleich angekommen, muss sie im größten Ramsch stieren. Das ist immer noch das sowjetische Defizit. Wir gehen ins Restaurant. Die Speisekarte ist russisch und die Speisen auch. Also gibt es am ersten Abend in Amerika Boschtsch und Seljedki. Bin gespannt wie das weitergeht.

Ich will endlich New York sehen

Am nächsten Tag gemeinsames Frühstück in Zinas und Iras Zimmer, aufklappbarer Tisch und Klappsessel, weil das Zimmer so winzig ist. Wie die zusammen in dem halben Doppelbett schlafen? Jetzt will ich endlich New York sehen. Aber es sind noch Besorgungen in Brighton zu machen. Handykarte für Zina, Handy für mich. Zina besteht darauf, dass ich ein Handy habe. Besorgungen kann man nur in Brigthon machen, weil man hier Russisch spricht. Ira lebt schon 17 Jahre in Amerika, kann aber offenbar schlechter Englisch als ich. Brighton Beach ist nicht gerade ein elegantes Viertel. Kleine Häuschen, ein bisschen schmutzig. Ein Mutterl sitzt auf einem Stockerl und verkauft selbstgestrickte Socken. Ein Mann hat ein paar Mützen in der Hand, die er verkauft. Das kenn ich doch aus Russland. Jetzt seh ich endlich die Hochbahn, die mitten durch die Brighton Avenue führt.

Das ist ungeheuerlich. Das ist eigentlich die U-Bahn, die als Hochbahn weitergeht. Mitten durch die Straße knapp an den Häusern vorbei. Sie ist schon hundert Jahre alt. Ich hatte schon ein altes Foto gesehen. Überall werden russische Zeitungen verkauft. Vor einem Geschäft hängt ein Zettel auf Russisch: Wir suchen eine Verkäuferin, Englischkenntnisse nicht erforderlich.

Das Meer ist gleich hier. Schaut, man kann es sehen. Da gehen wir aber jetzt hoffentlich nicht hin. Ich will jetzt endlich nach Manhattan. Ira hat für jede von uns einen Plan der Subway besorgt. Die Frau beim Fahrkartenschalter kann nicht Russisch. Die U-Bahn ist exterritorial. Schließlich schaffen wir es, eine Siebentagekarte zu kaufen. Wohin fahren wir? Zum Empire State Building. Nein, da fahren wir jetzt nicht hin. Dann eben nicht. Zum Chrysler Building. Nein, da fahren wir jetzt auch nicht hin. Zur 5th Avenue. Wir fahren zum Times Square, sagt Ira, und von dort fahren wir mit einem Sightseeing-Bus. Oje, das fängt ja gut an. Nach einer endlosen Fahrt mit der U-Bahn sind wir endlich am Times Square. Ira stürzt sich gleich auf einen der Männer, die Zettel mit Informationen über die Sightseeing-Busse verteilen. Jetzt will ich auf keinen Fall mit so einem Bus fahren und Zina auch nicht. Ira nervt. Wir marschieren los. Schauen, schauen, schauen. Schließlich bin ich das erste Mal in New York. Broadway. Die Ira hat uns natürlich mitten ins Touristenzentrum führen müssen. Macht nichts. Es ist trotzdem toll. Die beiden müssen in jeden Souvenirladen gehen. Meinetwegen.

Zina will einen Computer kaufen. Aber doch nicht am ersten Tag. Sie will sie trotzdem jetzt anschauen. Das Rockefeller Center muss in der Nähe sein. Ich kenn mich schon in New York aus, ich hab mich sehr gut vorbereitet. Wir müssen noch zur Pennsylvania Station, Fahrkarten nach Rochester kaufen. Aber doch nicht heute. Ira nervt. Die können wir sicher auch am Grand Central Bahnhof kaufen. Den möchte ich mir sowieso anschauen. Jetzt übernehme ich die Führung, rechts rein zum Rockefeller Center.

Meine New-York-erfahrene Freundin Susi hat schon gesagt, die Touristen erkennt man daran, dass sie immer hinaufschauen. Ich muss auch immer hinaufschauen. Die Damen müssen auf die Aussichtsplattform. Ich hab eine Höhenphobie und meide Aussichtstürme. Derweil flaniere ich herum und schau. Wenn Ira unbedingt noch Fahrkarten kaufen will, dann können wir ja zum Grand-CenterBahnhof fahren. Der muss sehr schön sein. Wie schön muss erst die Pennsylvania Station gewesen sein. Mitte der 60er-Jahre haben sie Idioten abgerissen. Es gibt hier tatsächlich keine Fahrkarten nach Rochester. Da hat die Ira recht gehabt. Todmüde fahren wir nach Hause. Eingekauft wird in Brighton. Wir könnten ja in das Restaurant St. Petersburg gehen. Schaut sehr sowjetisch aus. Lieber einkaufen im russischen Geschäft. Hier gibt es alles wie in Russland.

Russische Wurst, russischen Käse, echten Kefir, Kwas, russisches Konfekt. Aber Topfen aus Israel. Die Damen wollen Fisch kaufen. Geräucherten Tunfisch und Lachs. Natürlich auf russische Art geräuchert. Die beiden tun so, als ob das ganz normal ist, dass man in New York russische Lebensmittel kauft. Damit nicht alles Russisch ist, kaufe ich einen kalifornischen Wein.

Da liegt einer am Gehsteig. Das kenn ich auch aus Russland. In Russland saufen bekanntlich auch die Juden. Also auch in Brighton Beach. Ich muss ein E-Mail schicken, dass ich gut angekommen bin. Mit meinem neuen Minicomputer komm ich im Hotel nicht ins Netz. Kein freier Zugang. Muss ich ins Internetcafé. Vielleicht komm ich ja in einem Café ins Netz. Es ist schon halb zehn, aber ich geh trotzdem noch weg. So gefährlich wird es schon nicht sein. Auf der Brighton Avenue gibt es ein Starbucks. Das gibt es hierzulande an jeder Ecke. Sogar in Wien nisten sie sich schon ein. Aber ins Internet komm ich hier auch nicht mit meinem Laptop. An der Theke spricht auch niemand Russisch. Das einzige Etablissement hier, in dem nicht Russisch gesprochen wird. Sogar in der Bank sprechen sie Russisch. Also ins Internetcafé, wo man natürlich auch Russisch spricht. Es ist schon halb elf. Sehr gemütlich ist es auf der Straße nicht. Sehr schmutzig. Der Müll türmt sich am Straßenrand. Ich melde mich bei den Damen zurück, damit sie sich nicht sorgen. Sie haben inzwischen den Wein ausgetrunken. (Album, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2008)

 

  • "Nicht in Kiew, sondern im McCarren Park" heißt das Foto aus dem
Bildband New York: Everthing reminds me of something von Sissa Marquadt
und Markus Schmölz, der im September 2008 im Bizarr-Verlag in München
erschienen ist.
 
    foto: markus schmölz / www.bizarrverlag.com
    Foto: Markus Schmölz / bizarrverlag.com

    "Nicht in Kiew, sondern im McCarren Park" heißt das Foto aus dem Bildband New York: Everthing reminds me of something von Sissa Marquadt und Markus Schmölz, der im September 2008 im Bizarr-Verlag in München erschienen ist.

     

  • Claudia Erdheim, wurde 1945 in Wien geboren und promovierte in Logik
und Philosophie. Sie schrieb zahlreiche Romane. Zuletzt erschien von
ihr: "Längst nicht mehr koscher. Die Geschichte einer Familie" im
Czernin-Verlag 2006. Claudia Erdheim lebt in Wien. 
Link
erdheim.at
    foto: privat

    Claudia Erdheim, wurde 1945 in Wien geboren und promovierte in Logik und Philosophie. Sie schrieb zahlreiche Romane. Zuletzt erschien von ihr: "Längst nicht mehr koscher. Die Geschichte einer Familie" im Czernin-Verlag 2006. Claudia Erdheim lebt in Wien.

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    erdheim.at

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