Die unverträgliche Geschmacklichkeit des Schweins

24. November 2008, 10:07
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Histamin-Intoleranz kann Weihnachtsschmaus unerträglich machen - Zahl der Betroffenen unbekannt, aber mehr Frauen als Männer

Reinhart Jarisch hält nicht allzu viel von Statistiken: "Warum auch? Wer betroffen ist, ist bedient, und für all jene ist es unerheblich, wie viele daneben noch darunter leiden", erklärt der Leiter des Floridsdorfer Allergiezentrums. Aus diesem Grund stört es den Wiener Dermatologen auch nicht, dass "kein Mediziner weiß, wie viele Menschen an einer Histamin-Intoleranz leiden." Wenngleich diese Unverträglichkeit zum Spezialgebiet des Allergieexperten gehört.

Vage Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens ein Prozent der Bevölkerung davon betroffen ist, 80 Prozent davon sind Frauen um die 40. Warum? "Auch das wissen wir nicht", gibt Jarisch zu, "aller Wahrscheinlichkeit nach hat es mit dem Hormonhaushalt der Frauen zu tun, mit einem zur Menopause hin abnehmenden Östrogenspiegel." Was jedoch sicher sei, ist die generelle Ursache für das Leiden: "Es handelt sich um eine durch Ernährung erworbene Krankheit." Daher sei ihr auch am besten mit einer Diät beizukommen. Pillen, Sälbchen und Wässerchen seien nicht notwendig, erklärt der Forscher.

Es sei jedoch keineswegs eine harmlose Substanz, die maximal ein bisschen Schnupfen und Niesen verursache, warnt der Experte. Harmlos ist das Histamin nur dann, wenn der Körper auch eine ausreichende Menge des Abbau-Enzyms Diaminoxidase (DAO) produziert, was bei den meisten Menschen der Fall ist. Liegt ein DAO-Mangel vor, haben Betroffene ein Problem. Denn Histamin kann, über die Nahrung zugeführt, akute Beschwerden wie Atemnot, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall, Juckreiz und Rötung der Haut, Nesselausschlag, Krämpfe, Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auslösen. Und nicht zu vergessen: Kopfweh.

"Wenn ich meine Patientinnen nach Kopfschmerzen frage, meinen sie zumeist, dass ein Mal pro Woche normal sei", schildert Jarisch aus seinem Alltag. "Da sag ich dann: Wenn wir Männer ein Mal pro Woche Kopfweh hätten, würden wir durchdrehen. Kopfweh ist überhaupt nicht normal, und in vielen Fällen liegt da eine Histamin-Intoleranz vor."
Wurzel des Übels

Histamin ist ein Naturstoff, der im menschlichen und tierischen Organismus als Gewebshormon und Nervenbotenstoff wirkt und auch in Pflanzen und Bakterien weit verbreitet ist. Beim Menschen und anderen Säugetieren spielt Histamin eine zentrale Rolle bei allergischen Reaktionen und ist am Immunsystem, an der Abwehr körperfremder Stoffe beteiligt. Auch im Magen-Darm-Trakt, bei der Regulation der Magensäureproduktion, sowie im Zentralnervensystem bei der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhythmus und der Appetitkontrolle wirkt Histamin als wichtiger Regulator. Chemisch betrachtet ist Histamin ein biogenes Amin, das aus der Aminosäure Histidin gebildet wird - Menschen mit Histamin-Unverträglichkeit reagieren daher zumeist auch auf andere biogene Amine in Lebensmitteln.

Nahrungs- und Genussmittel, die entweder sehr hohe Histaminkonzentrationen haben oder aber die Freisetzung körpereigenen Histamins fördern, sind etwa Schweinefleisch, Wurstwaren, insbesondere Hartwürste wie Salami, Hart- und Schimmelkäse, Sauerkraut, Spinat, Tomaten (Ketchup, Pizza und Co), Thunfisch, Schokolade, Rotwein, Weizenbier.

Nicht zu vergessen seien laut Jarisch auch Röntgenkontrastmittel und Codein, das gerne gegen Asthma verschrieben werde: Beide führten zur Histaminfreisetzung. Bei entsprechenden Beschwerden kann mittels Bluttest eine Unverträglichkeit festgestellt werden. (Andreas Feiertag, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2008)

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    Nahrungs- und Genussmittel, die entweder sehr hohe Histaminkonzentrationen haben oder aber die Freisetzung körpereigenen Histamins fördern, sind etwa Schweinefleisch, Wurstwaren, insbesondere Hartwürste wie Salami, Hart- und Schimmelkäse, Sauerkraut, Spinat, Tomaten , Thunfisch, Schokolade, Rotwein, Weizenbier.

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