Advent: Frontalangriff auf die Zähne

24. November 2008, 09:52
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Adventkalender, Schoko-Krampus, überall Punsch und Kekse: Karies, Gingivitis und Parodontitis sind die Folgen - Zahnpflegetricks für die Adventzeit

Es ist eine Sache des sorgsamen Umganges mit dem eigenen Körper. Zähne sind vom Raubbau schnell und sichtbar betroffen. Zu viel Zucker und zu wenig Zähneputzen in Kombination mit einer Reihe von genetisch schlechten Voraussetzungen lässt Kauwerkzeuge morsch (vom Lateinischen caries: Morschheit, Fäulnis) werden. "Nach jeder Süßigkeitsbombe sollte man zumindest ein Glas Wasser trinken", rät der Wiener Zahnarzt Peter Kotschy.

Schuld an der Zerstörung der Kauwerkzeuge sind Streptokokken, Bakterien, die einen klebrigen Biofilm um den Zahn, ehemals Plaque genannt, bilden. "Es ist eine Struktur für Bakterien, die sich so rund um den Zahn ansiedeln können", sagt Werner Zechner von der Universitätsklinik für Zahnheilkunde in Wien. Konkret sind es die Milchsäurebakterien, die beim Abbau von Zucker und Kohlehydraten in der Mundhöhle entstehen. Die Säure löst Mineralien zuerst aus dem Zahnschmelz und dann aus der darunterliegenden Dentinschicht, in der bereits feinste Nervenbahnen laufen. Deshalb tut Karies dann auch weh. Je tiefer die Löcher, umso gefährdeter ist die Zahnwurzel, die den Zahn lebendig erhält. Ein Glas Wasser spült den Zucker zumindest erst einmal weg oder verdünnt ihn zumindest, so Kotschy.

"Prophylaxe-orientierte Zahnheilkunde ist der einzig vernünftige Weg", predigt Kotschy seit Jahrzehnten. Mit Zähneputzen und regelmäßiger Mundhygiene hat es jeder in der Hand gegenzusteuern. Denn Kotschy sieht das Ausmaß der Zerstörung jeden Tag in x-facher Vergrößerung. Er ist - übrigens genauso wie sein Sohn Klaus, die beiden haben getrennte Ordinationen - ein Verfechter der Mikroskopzahnheilkunde, "weil man viel genauer sieht und im Falle von kleinsten Kariesherden diese besser als mit konventionellen Methoden entfernen kann", sagt Kotschy.

Schmerzfrei behandeln

Bohren, sagt er, tue bei ihm auch kaum weh, weil er mit Sandstrahl und Glasperlen arbeite, das sei vibrationsfrei und ohne Druck, seine Patienten bräuchten nicht einmal eine Spritze. Weil Zähne meist nie nur eine einzige Wurzel haben, sei das Arbeiten mit dem Mikroskop zusätzlich auch bei Wurzelbehandlungen wesentlich präziser, ist der Wiener Zahnarzt überzeugt.

Streptokokken und ihr Biofilm sind allerdings nicht nur für die Zerstörung des Zahnes, sondern auch für Zahnfleischentzündungen - Gingivitis im Fachterminus - und Parodontitis, eine Entzündung des Zahnhalteapparates, ausschlaggebend. "Entzündungen der Mundhöhle erzeugen Mundgeruch", sagt Kotschy lapidar. Einmal ganz abgesehen davon wird durch Enzyme, die von den entzündeten Stellen ausgehen, auch das Immunsystem aktiviert. "Die Natur hat es so konzipiert, dass sich der Körper des Problems selbst entledigen kann", sagt Kotschy. Wie das geht?

Das Zahnfleisch zieht sich zurück, die Sharpeyschen Fasern, an denen der Zahn elastisch auf-gehängt ist, werden locker, und schließlich fällt der Zahn aus, das Loch schließt sich und die Entzündung ist weg. "Parodontitis wird durch die Immunreaktion des Körpers verstärkt, wobei es dabei auch zur Zerstörung von Knochen im Kiefer kommen kann", erklärt Zechner, spezialisiert auf Knochenaufbauten und Implantologie. Er setzt Menschen, die Zähne verloren haben, als Ersatz künstliche Zahnwurzeln (Implantate) in den Kiefer ein. Parodontitis schädigt vor allem auch den Kieferknochen. Wer zu lange wartet, hat dann eine schlechtere Basis für Implantate als auch Brücken, für Zechner ist der Aufwand dann wesentlich höher. Die Diskussion in Fachkreisen ist kontroversiell: Wie lange kämpft man als Zahnarzt bei Patienten mit schwerer Parodontitis um den Erhalt eines Zahnes, wenn dabei gleichzeitig der Kieferknochen und damit das Fundament für ultimative Reparaturmaßnahmen geschädigt wird?

Bevor es zum Äußersten kommt, startet Kotschy mit Parodontitis-Patienten ein umfassendes Rettungsprogramm. In regelmäßigen Abständen wird Plaque entfernt, was dem Immunsystem die Arbeit erleichtert, gelegentlich werden Antibiotika eingesetzt.

Kleine Tricks

"Mit konsequenter Zahnpflege und regelmäßiger, beim Zahnarzt durchgeführter Mundhygiene lässt sich Parodontitis in den Griff bekommen", kann Kotschy aus Erfahrung behaupten. Ganz schlecht, so der erfahrene Zahnarzt, sei Rauchen. Durch eine einzige Zigarette verkrampfen sich die winzigen Blutgefäße im Mundraum, stören die Blutzufuhr und damit den Abwehrprozess - und das sechs Stunden lang. "Aus Sicht eines Zahnarztes ist also eine einzige Zigarette schon nachhaltig schädlich, weil sie eine Schwächung des Zahnhalteapparates verursacht", sagt Kotschy.

Seine Tipps zur Vorweihnachtszeit: Wer Schokolade und Keksen nicht widerstehen kann, sollte sie nicht zwischendurch, sondern zu den Hauptmahlzeiten essen, die "permanenten kleinen Zwischenmahlzeiten sind der schlimmste Angriff." Nach dem Essen mit Wasser nachspülen und immer eine halbe Stunde warten, bevor man die Zähne putzt. Übrigens: Auch zuckerfreier Kaugummi hat neutralisierende Wirkung. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2008)

 

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    Süße Schokolade ist für schlechtes Milieu im Mund verantwortlich, auch der Nikolo.

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