"Es ist natürlich Misstrauen da"

23. November 2008, 21:07
23 Postings

Staatssekretärin Christine Marek von der ÖVP sprach im derStandard.at-Interview über die Wiederauflage von Schwarz-Rot, den nahenden ÖVP-Parteitag und über Wilhelm Molterer

Christine Marek hat mit einem Lächeln auf den Lippen der Pressekonferenz, in der die Wiederauflage der Großen Koalition verkündet wurde, gelauscht. Mit Katrin Burgstaller sprach sie über die Chancen der Großen Koalition, die Stimmung in der ÖVP und über ihren Mentor Wilhelm Molterer. Der neuen Regierung wird sie voraussichtlich wieder als Staatssekretärin angehören.

***

derStandard.at: Wie finden Sie die Wiederauflage der Großen Koalition?

Marek: Es wird sicher spannend, aber wir haben Substanz verhandelt. In unserem Koalitionspapier stehen wirklich gute Dinge. Wir haben uns durchaus etwas vorgenommen. Ich glaube, dass das fünf arbeitsreiche und spannende Jahre sein werden, in denen wir riesige Themen zu bewältigen haben.

derStandard.at: Wir haben wieder eine rot-schwarze Regierung. Die SPÖ stellt wieder den Bundeskanzler. Was soll jetzt anders sein als bei der alten Regierung?

Marek: Es sind erstens viele Personen anders. Und zweitens sind die Ausgangssituation und das Bewusstsein anders. Ich glaube nicht, dass die Große Koalition abgewählt worden ist, sondern ein gewisser Stil. Und wenn wir nicht aus der Vergangenheit gelernt haben, dann ist uns nicht zu helfen. Aber wir haben daraus gelernt. Es wird mit Sicherheit ein anderes Zusammenarbeiten werden.

derStandard.at: Werner Faymann hat sich bei der Pressekonferenz bei Josef Pröll mehrfach für die gute Verhandlungsbasis bedankt. Wie waren die Verhandlungen hinter den Kulissen?

Marek: Ich habe hauptverantwortlich mit Barbara Prammer den gesellschaftspolitischen Aspekt, Familien und Frauen verhandelt. Es herrschte ein sehr konstruktives Klima. Wir haben um manche Dinge gerungen, ganz einfach war es nicht. Aber wir sind aufeinander zugegangen. Das habe ich in den anderen Gruppen in denen ich mitverhandelt habe, genauso erlebt. Es war nicht so, dass man versucht hat, den anderen über den Tisch zu ziehen. Sondern es war klar, das zwei auf Augenhöhe miteinander verhandeln. Abgesehen muss im Lichte dessen, was uns in den nächsten zwei Jahren aus wirtschaftlicher Sicht erwartet, eine Partei konsequent und seriös arbeiten.

derStandard.at: Auf welches Verhandlungsergebnis sind Sie besonders stolz?

Marek: Ich freue mich besonders auf das einkommensabhängige Kindergeld. Das ist mein Baby vor der Wahl und das ist mein Baby nach der Wahl. Das und die Steuerentlastung ist für Familien sehr wichtig.

derStandard.at: Wie sehen Sie dem ÖVP-Parteitag entgegen. Innerhalb der ÖVP gibt es Gegner der Großen Koalition?

Marek: Insgesamt habe ich das Gefühl, dass mittlerweile ein Pragmatismus gegeben ist. Die die weiterdenken, als nur bis zum nächsten Tag, sehen schon, dass wir eine verantwortungsvolle Entscheidung nicht nur für uns sondern für das Land treffen mussten. Angesichts der letzten zwei Jahre ist natürlich Misstrauen da. Es wird Josef Prölls Aufgabe sein, zu überzeugen, dass wir als ÖVP in dieser Koalition unsere Werte vertreten können und das wir uns innerparteilich wieder stärken.

derStandard.at: Wilhelm Molterer wird der Regierung nicht mehr angehören. Was sagen Sie dazu?

Marek: Das ist seine persönlich Entscheidung und das ist zu respektieren. Mir tut es persönlich sehr Leid, weil ich ihn sehr schätze. Er hat mir eine Chance gegeben und mich in sein Team geholt und das werde ich ihm auch nie vergessen. (Katrin Burgstaller, derStandard.at, 23. November 2008)

Zur Person

Christine Marek, geboren 1968, ist in der Großen Koalition 2006 als Staatssekretärin für Wirtschaft und Arbeit tätig.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Christine Marek: "Angesichts der letzten zwei Jahre ist natürlich Misstrauen da."

Share if you care.