"Architekten sind keine Masochisten"

23. November 2008, 19:20
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Die IG-Architektur-Sprecher Michael Anhammer und Bruno Sandbichler im derStandard.at-Interview über die Probleme des Wettbewerbswesens

Diesen Montag lädt die IG Architektur zu einer Diskussion über die Zukunft der Architekturwettbewerbe. Was dabei schief läuft, argumentieren die beiden neuen Sprecher  Michael Anhammer und Bruno Sandbichler im Gespräch mit Martin Putschögl.

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derStandard.at: "Bitte zu Tisch" heißt Ihre Veranstaltung, auf der Sie über das "Wettbewerbswesen der Zukunft" debattieren wollen. Wie sieht's mit der Gegenwart aus?

Bruno Sandbichler: Es gab früher sehr wenig Architekturwettbewerbe in Österreich mit höchst beschränktem Zugang. Inzwischen gibt's durch die EU sehr viele Möglichkeiten, an Wettbewerben teilzunehmen. Aber die Zugangsbeschränkungen werden immer höher geschraubt. Zum Beispiel beim Giraffenhaus im Tiergarten Schönbrunn, einem Bau von ca. zwei Millionen Euro Baukosten. Man musste in 9 verschiedenen Sparten Referenzen nachweisen können, die zum Teil eine höhere Auftragssumme haben mussten, nur um sich für den Wettbewerb bewerben zu können. Da gibt es vielleicht eine Handvoll in Österreich, die da teilnehmen können, und alle anderen, die vielleicht auch gute Ideen haben, wie ein Giraffenhaus aussehen kann, sind ausgeschlossen. Das ist ein besonders plakatives Beispiel. Oft genug muss man bei einem Kindergarten und einer Schule schon drei ähnliche Gebäude gebaut haben, damit man mitmachen darf. Wir leben aber alle davon, dass man Dinge zum ersten Mal macht.

Michael Anhammer: Und unsere Auffassung ist, dass man manche Dinge auch beim ersten Mal sehr gut machen kann. Leider befassen sich viele Wettbewerbsausschreibungen heute zu 95 Prozent mit dem juristisch-technischen Bereich, also was man an formalen Nachweisen und Sicherstellungen einbringen muss. Und daneben gibt's vielleicht eine halbe Seite, auf der steht, was genau inhaltlich gewünscht ist. Unsere Forderung ist, dass in einer früheren Phase des Wettbewerbes über diesen Inhalt gesprochen wird. Es sollte also einerseits herausgefiltert werden können, was die Auftraggeber wollen, und andererseits sollten die Ausschreibungen so offen gehalten werden, dass eine kreative Leistung mit Überraschungen möglich ist. Wettbewerbe leben nun einmal von kreativen Lösungen.

Sandbichler: Dazu muss man grundsätzlich einmal das Wettbewerbswesen darstellen. Das gibt's in praktisch keinem anderen Beruf: Da ruft ein potenzieller Bauherr einen Wettbewerb aus, und es kommen hundert bis zweihundert Beiträge. Jedes teilnehmende Büro setzt zwischen 6.000 und 10.000 Euro ein, aber nur einer gewinnt. Drei kriegen vielleicht noch einen Preis, aber dann ist es vorbei. Das heißt, der ganz überwiegende Teil geht völlig leer aus. Die schicken quasi einen Scheck mit 10.000 Euro an einen Bauherrn, und dann kommt der nächste Wettbewerb. Da steckt so viel Arbeit und Engagement drinnen, dann schaut die Jury das vielleicht eine Minute lang an, und weg ist es. Und man darf den nächsten Wettbewerb machen, wieder gratis.

derStandard.at: Wie ließe sich das ändern? Wenn da zB mehrere hundert Büros aus dem ganzen EU-Raum an einem Wettbewerb teilnehmen, dann würden die Abstandshonorare ja auch gewaltige Kosten verursachen.

Sandbichler: Wenn man Baukultur als generelle Verpflichtung in eine Regierung oder eine Staatsführung integriert - was ja notwendig wäre -, dann könnte man auch sagen: Wenn sich jemand an einem Wettbewerb beteiligt, kriegt er einen steuerlichen Vorteil. Oder der Auslober kann das in irgendeiner Weise absetzen. Wichtig ist, dass das gefördert wird und es einen volkswirtschaftlichen Ausgleich gibt. Wir reden gar nicht davon, dass jeder Architekt ein Honorar bekommen soll. Aber dass er das doch irgendwie wieder zurückbekommt, was er einsetzt.

Anhammer: Parallel dazu besteht immer auch die Frage: Was verlangt man eigentlich? Es gibt Wettbewerbe, die absichtlich möglichst umfangreich ausgelobt werden - zum Beispiel der WU-Neubau, wo dann in der ersten Verfahrensstufe bis zu den Detailkosten alles abgegeben werden muss. Die werden so aufgeblasen, dass das von den vielen kleineren Bürostrukturen, die 75 Prozent der Kammermitglieder ausmachen, gar nicht mehr bewältigt werden kann. Argumentiert wird das oft mit Zeitknappheit und Eingrenzung des Risikos für den Auftraggeber. Tatsächlich ist dann für kleine Büros der Aufwand so hoch, dass das mit der geringen Chance, einen Preis zu gewinnen, nicht mehr übereinstimmt. Über genau diese Themen wollen wir am Montag reden: Wie schaffen wir da eine Art Gleichberechtigung? Wie kann der Auslober einerseits spannende Projekt bekommen, und wie kann das andererseits in einem Dialog funktionieren, wo es letztlich zwei Gewinner gibt?

derStandard.at: Lassen sich so große Ausschreibungen überhaupt ohne Juristen noch bewerkstelligen?

Sandbichler: Nein. Grundsätzlich braucht man Juristen dazu.
Das besondere an unserer Veranstaltung ist, dass wir Leute einladen, die eigentlich anderer Meinung sind. Und wir wollen auch ein Ergebnis erarbeiten, indem wir mit denen reden, die uns diese Auslobungs-Texte liefern, nämlich die Juristen und Verfahrensorganisatoren. Für die Auslober sozusagen im Sinne ihrer Auftraggeber denkend. Wir wollen denen auch eine Stimme bieten, dass sie nicht nur für den Auftraggeber arbeiten, sondern auch für uns. Denn wir sind dann die Teilnehmer der Ausschreibungen, und für uns ist es von existenzieller Bedeutung, was da drinnen steht.
Die Bundes-Architektenkammer hat vor kurzem in einem Symposium den Ist-Zustand erhoben. Da waren Experten da, die uns mitgeteilt haben, dass in Österreich die EU-Richtlinie und das Bundesvergabegesetz extrem überinterpretiert werden. Es steht nicht im Gesetz, dass man schon drei Museen gebaut haben muss, um an einem Museumswettbewerb teilnehmen zu können. Und es ist überhaupt nicht im Sinne der EU-Richtlinie, den Markt einzuschränken - ganz im Gegenteil: Der Markt soll geöffnet werden für alle.

Anhammer: Das Gesetz ist so, dass man eigentlich etwas Gutes und etwas Schlechtes damit machen kann - es lässt einen großen Spielraum zu. Juristen sind notwendig, aber man muss auch jemanden dabei haben, der inhaltlich denkt. Derzeit ist es so, dass vieles zu den Juristen wandert. Die natürlich auch eine gute Arbeit machen, sich absichern wollen. Die Abfragen sind aber nur Scheinsicherheiten, denn die Kernfrage - ob der Bauherr dann die beste Qualität bekommt - wird in diesen Verfahren wenig gewährleistet. In Wirklichkeit ist jedes Projekt ein Risiko. Es wird die Frage gestellt, ob man schon sieben Schulen geplant hat - aber ob diese sieben Schulen gut geplant wurden, danach wird zum Beispiel nicht gefragt. Wichtig ist nur, dass man sie geplant hat. Was wir einfordern, ist, dass sich auch jemand über den Inhalt, also was einmal in dieser Schule nach welchen pädagogischen Konzepten passieren wird, Gedanken macht. Das hat auf die Architektur gewaltige Auswirkungen.

Sandbichler: Bei Architektur geht's auch um gute Ideen, und da hat ein Jurist kein Wissen darüber. Wie schafft man Raum für gute Ideen? Das ist ja selbst für uns schwierig. Wie soll das ein Jurist schaffen?
Stattdessen gibt's Wettbewerbe, bei denen man ganz am Anfang die Kosten garantieren muss, plus/minus zehn Prozent. Schon bei der ersten Skizze. Wir Architekten sind aber keine Masochisten, denn wenn ein Masochist sich in eine strenge Kammer begibt, dann hat er zwei Garantien: Er wird einen Höhepunkt erleben und er kommt unbeschadet wieder raus. Wenn sich ein Architekt in einen Wettbewerb begibt, dann ist da keine Rede von Garantien.

derStandard.at: Wie kann ein Architekt, der noch gar nichts gebaut hat, überhaupt Fuß fassen?

Sandbichler: Wir sind ja dafür der lebende Beweis. Wir können zurückblicken auf Bauherren, die nach zehn, 15 Jahren immer noch höchst zufrieden sind. Das waren auch nicht kleine Bauten, und die funktionieren. Es war immer das erste Mal. Ob's eine Tiefgarage war, eine Schule oder ein Altenheim.
Was man nebenbei positiv festhalten muss: Die Bundesimmobiliengesellschaft zum Beispiel hat als Konzept, offene Wettbewerbe zu machen. An denen kann jeder Architekt teilnehmen.

Es gibt da eine andere ganz spannende Entwicklung, die erst angefangen hat. Zwei Beispiele: Der Umbau des Plenarsaals des Parlaments und der WU-Wien-Neubau. Das waren höchst prominente Verfahren, wo aber unglaublich wenige Büros teilgenommen haben. Auch die Auslober müssen sich also überlegen, wie sie einen sexy Wettbewerb aufstellen. Sonst macht niemand mehr mit, wenn alles aufgeblasen wird und die Anforderungen extrem hochgeschraubt werden. Da machen dann 20 Büros mit, von denen 15 so genannte Business-Architekten sind, die schon extrem viel gebaut haben. Der unglaublich große Pool an jungen kreativen Talenten, den man besonders in Wien vorfindet - von ca. 3.000 österreichischen Architekturbüros sind fast 2.000 in Wien -, wird aber nicht genützt. Die lässt man alle links liegen und macht es so wie immer.

Anhammer: Man sieht das dann auch am Wiener Stadtbild. Alles sieht sehr ähnlich aus, die spannenden Sachen passieren oft in den kleinen Umbauten. Es gibt zum Beispiel gerade wieder die Ausstellung "Young Viennese Architects", wo junge Teams unter 45 von der Stadt Wien promotet werden und mit der die Stadt Wien wirbt. Die haben schon recht viel gebaut, aber nur ein sehr geringer Teil davon entstand in Wien.

derStandard.at: Die "Young Viennese Architects", die nicht in Wien bauen...

Sandbichler: Genau. Aber das ist eine andere Geschichte...

(derStandard.at, 23.11.2008)

  • "Da steckt so viel Arbeit und Engagement drinnen, dann schaut die Jury das vielleicht eine Minute lang an, und weg ist es": Michael Anhammer (SUE Architekten, li.) und Bruno Sandbichler (gharakhanzadeh sandbichler architekten) wünschen sich einen "volkswirtschaftlichen Ausgleich" für den Aufwand der Architekturbüros.
    foto: derstandard.at/putschögl

    "Da steckt so viel Arbeit und Engagement drinnen, dann schaut die Jury das vielleicht eine Minute lang an, und weg ist es": Michael Anhammer (SUE Architekten, li.) und Bruno Sandbichler (gharakhanzadeh sandbichler architekten) wünschen sich einen "volkswirtschaftlichen Ausgleich" für den Aufwand der Architekturbüros.

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