"90 Prozent der Kaderspringer sind Stamser"

23. November 2008, 19:09
1 Posting

Die Alpinen verursachten die Gründung des "Schigymnasiums", auch die Nordischen profitieren

Stams - 42 Jahre ist es schon wieder her, dass die WM in Portillo, Chile, übrigens die einzige der bisherigen Geschichte in der südlichen Hemisphäre, der österreichischen Skifahrt gründlich missraten ist. Der berühmte Karl Schranz holte die einzige Medaille für das Herrenteam, die bronzene im Riesenslalom. Worauf Skipapst Franz Hoppichler, der damalige Rennsportleiter der Herren und Chefskilehrer der Nation, die Intitiative ergriff. Und sich maßgeblich engagierte, dass anno 1967 das Stamser "Schigymnasium" entstand. Na eben: Nicht nur für die Schule lernen wir, sondern fürs Leben. Und zwar fürs Leben auf dem Berg und auf den Schanzen und in den Loipen, welches ja kein unwesentlicher Beitrag zur österreichischen Identität ist.

Dass sich die Einrichtung "Schigymnasium" schreibt und der ÖSV Skiverband, lässt sich auch als Hinweis darauf verstehen, dass die Institutionen voneinander unabhängig sind. Es ist ja auch nicht allzu lange her, dass der Schweizer Daniel Albrecht, der sich in Stams die Idee des idealen Schwungs vermitteln ließ, zum Saisonauftakt der Alpinen den Riesenslalom in Sölden gewann.

Den ersten Gesamtweltcupsieg, den ein in Stams Ausgebildeter feierte, feierte übrigens 1978 der Liechtensteiner Andreas Wenzel. Dafür wurde der Kärntner Skispringer Karl Schnabl 1976 der erste Olympiasieger aus Stams.

169 Schüler, 116 Burschen und 53 Mädchen, lernen und sporteln in Stams, alpine Skifahrer, Snowboarder, Skispringer, Langläufer und nordische Kombinierer. Das Schulziel ist entweder die Matura, für die fünf statt wie sonst vier Jahre vorgesehen sind, oder der Handelsschulabschluss (vier Jahre statt drei Jahre). Benjamin Raich und Marlies Schild etwa absolvierten die Handelsschule, Rainer Schönfelder war bisher der schulisch beste Maturant. 55 bis 60 Neulinge (ab 14) werden jährlich aufgenommen. Da sich doppelt so viele bewerben, wird von einer Jury selektioniert, und naturgemäß steht dabei die sportliche Qualifikation im Vordergrund. Bis zum Ende des zweiten Jahres sollte mindestens Landeskader-Niveau erreicht - oder die Schule gewechselt werden.

25 Lehrer und 25 Trainer sind beschäftigt, personell gibt es reichlich Verknüpfungen mit dem ÖSV. So ist Arno Staudacher, Direktor des "Schigymnasiums", Nachwuchsreferent der alpinen Abteilung im Verband. Und Harald Haim, der sportliche Leiter in Stams, ist im ÖSV für den Springernachwuchs zuständig.

Das Schulgeld beträgt 480 Euro pro Monat, Ausländer haben fast das Doppelte zu zahlen. Der Bund und das Land Tirol haben dennoch viel zuzuschießen. Schließlich koste die Ausbildung eines Schülers, sagt Haim, in Stams 25.000 Euro pro Jahr, während die in einer anderen Schule rund 7000 koste. Zudem kooperiert das "Schigymnasium" mit diversen Sponsoren (Toyota, OMV, Uniqa, Raiffeisen, Thalia), zuletzt fassten beispielsweise sämtliche Trainer HD-Camcorder von Samsung aus, auf dass die Trainierten gleich sehen können, was sie falsch oder vielleicht auch richtig machen. Es gibt jede Menge Turnhallen und Kraftkammern in Stams, und es gibt zwei Schanzen, die ganzjährig bespringbar sind.

"90 Prozent aller Kaderspringer", sagt Haim, "sind Stamser." Bei den Alpinen sind es rund 50 Prozent. Der berühmteste Springer im Haus ist gegenwärtig Gregor Schlierenzauer. Und die 14-jährige Finnin, die seit heuer springt und büffelt, wird vielleicht auch einmal berühmt sein. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 24. November 2008)

Share if you care.