Fischer, Schleier und katholisches Kreuz

23. November 2008, 19:08
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Solange das Gesicht nicht verhüllt wird, kann Kommunikation stattfinden - Das Kopftuch ist daher ebenso akzeptabel wie die Tracht der verschiedenen Frauenorden

Fast gleichzeitig zwei kontroversielle Entscheidungen: Die Höchstrichter der Republik haben entschieden, dass muslimische Frauen vor Gericht unverhüllt zu erscheinen haben, weil es um "Grundregeln der menschlichen Kommunikation" gehe. In Oberösterreich hat die in Linz regierende (laizistische) SPÖ im Streit mit der (christlichen) ÖVP nachgegeben: In den 90 Kindergärten der Stadt werden jetzt Kreuze angebracht. Formale Begründung: die gesetzliche Regelung, wonach bei einer Anzahl von mehr als 50 Prozent Kindern mit christlichem Glauben Kreuze vorzusehen

Schon dieser Gesetzespassus ist in einem Land mit (wenn auch) moderater Trennung zwischen Kirche und Staat problematisch. Die einfache Regel wäre: Keine Kreuze in staatlichen Schulen oder Kindergärten, sehr wohl Kreuze in Privatschulen, die von der Kirche betrieben und vom Staat subventioniert werden. Kreuze vielleicht auch im Religionsunterricht. Nichts dagegen.

Problematisch ist gleichzeitig die übliche Ausstattung der Klassen mit Bildern des Bundespräsidenten. Kein Einwand gegen Heinz Fischer, aber starke Einwände gegen den Personenkult, der da seit Jahrzehnten betrieben wird. Gerechtfertigt wäre, in jeder Klasse die wichtigsten Passagen der Bundesverfassung anzubringen.

Damit würden Grundsätze unserer Republik beispielsweise auch den muslimischen Unterricht illustrieren.

Womit wir bei Kopftuch, Bourka und Niqab wären. Auch hier sollte man einer einfachen Regel folgen, die dem Argument des Obersten Gerichtshofs entspricht. Solange das Gesicht nicht verhüllt wird, kann Kommunikation stattfinden. Das Kopftuch ist daher ebenso akzeptabel wie die Tracht der verschiedenen Frauenorden.

Die Verhüllung (Niqab und Burka) dürfte auch in der ganz normalen Öffentlichkeit nicht geduldet sein. Touristinnen aus arabischen Ländern sollten daher im Gastland Österreich auf das Kopftuch oder einen Schleier, der Gesichter nicht bedeckt, zurückgreifen.

Sind Ausnahmen vorstellbar? Etwa bei Demonstrationen. Über solche "Vermummungen" im Gefolge der 68er-Rebellion ist bis weit in die 70er-Jahre heftig gestritten worden. In Deutschland wurden sogar Vermummungsverbote erlassen. Auch als Demonstrant identifizierbar zu bleiben sollte klar sein. Umgekehrt aber auch die Achtung der Exekutive vor den individuellen Rechten.

Für Österreicher, die auf dem Land aufgewachsen sind, ist das Kopftuch optisch überhaupt kein Problem. Am Sonntag hat es vor, in und nach der Kirche vor Kopftüchern nur so gewimmelt. Sie waren eine religiöse Bezeugung - wenngleich ihre meist bäuerlichen Trägerinnen damit Reste alter Unterwerfungsstrukturen unbewusst weiterpflegten. Genau da hakt die Kritik der Frauenrechtlerinnen ein. Sie stimmt - im liberalen, westlichen Kontext natürlich auch gegenüber muslimischen Frauen.

Sie sollte jedoch von Toleranz getragen sein, weil viele Kopftuchträgerinnen ohnehin zu kämpfen haben - für die Frauenrechte im Islam.

Dieser Kampf hat ja auch im christlichen Europa stattgefunden. So lang ist das nicht her. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2008)

 

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