"Ein bisschen Demut kann nicht schaden"

23. November 2008, 19:06
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Thomas Morgenstern, Sportler des Jahres und Weltcupsieger im Skispringen, hebt am Sonntag in Finnland als Titelverteidiger ab - STANDARD-Interview

Standard: Sie sind seit vergangener Woche ein sogenannter Open Water Diver, haben in Ägypten einen Tauchschein gemacht. Lässt sich beim Tauchen das Gefühl simulieren, das ein Skispringer in der Flugphase empfindet?
Morgenstern: In gewissem Sinn. Natürlich fehlt das Element der Geschwindigkeit, fehlt der Absprung. Aber im mentalen Bereich oder in der Wahrnehmung von Geräuschen gibt es Gemeinsamkeiten.

Standard: Sie sind bekannt dafür, im mentalen Bereich viel zu arbeiten. Haben Sie für die kommende Saison neue Methoden parat?
Morgenstern: Es wird sich nicht viel ändern. Ich mache halt die bewährten Sachen wie etwa Achtsamkeitsmeditationen.

Standard: Sollte man sich nicht immer neue Reize setzen?
Morgenstern: Doch, bei mir war das der Skiwechsel von Fischer zu Atomic. Da habe ich mir einiges an Arbeit aufgehalst. Es war ein harter Sommer, es war nicht einfach, einen Ski zu finden, der sich auf einem gleichen oder auf besserem Niveau befindet als mein altes Material. Aber es ist gelungen, und ich bin froh, weil ich mir nicht eines Tages vorwerfen will, dass ich nicht etwas anderes probiert habe.

Standard: Österreichs Skispringerei ist materialmäßig immer recht innovativ. Gibt es auch für die kommende Saison Neues?
Morgenstern: Nein, es gibt nichts Gravierendes mehr, das man ändern könnte. Dafür ist das Skispringen längst zu reglementiert. Arbeiten kann man nur im mentalen Bereich und am Körper.

Standard: Apropos Körper: Spielt das Thema Magersucht im Skispringer nach Einführung des Body Mass Index noch eine Rolle?
Morgenstern: Ich glaube nicht, wobei ich selbst von diesem Thema nie berührt war. Ich weiß schon, ich bin auch kein Pummerl, aber gefährdet war ich nie. Ich bin froh, dass die Regel eingeführt wurde, weil ich mir schwertun würde mit dem Abnehmen. Wegen meiner Muskelmasse. Zwei, drei Kilo gingen noch, aber dann würde ich mich nicht wohlfühlen. Ich habe auch nie die Erfahrung gemacht, dass ich wegen ein, zwei Kilo weniger weiter springe.

Standard: Sie haben in der vergangenen Saison den Gesamtweltcup gewonnen, waren im Team Skiflugweltmeister. Was nehmen Sie davon in die neue Saison mit?
Morgenstern: Sicher Selbstvertrauen, aber die Erfolge, der Traum, der mit dem Gesamtweltcupsieg in Erfüllung gegangen ist, sind für mich schon eine Riesenmotivation. Ich beginne in der neuen Saison aber wieder bei null.

Standard: Olympiasieger waren Sie schon, Weltcupsieger auch. Was darf es in dieser Saison sein?
Morgenstern: Der erste Weltmeistertitel im Einzel. Und auf die WM in Liberec habe ich mich schon vor zwei Jahren, vor der WM in Sapporo, gefreut. In Liberec war ich bisher nur erfolgreich. Dort habe ich zwei Kontinentalcup-Springen gewonnen, dort halte ich den Schanzenrekord, dort habe ich meinen ersten Weltcupsieg gefeiert. Und meinen bisher letzten auch.

Standard: Gregor Schlierenzauer nennt die Vierschanzentournee als großes Saisonziel, Sie die WM. - Werden da bewusst Claims abgesteckt, damit keine zusätzliche Rivalität konstruiert werden kann?
Morgenstern: Nein, das ist nicht bewusst gesteuert, da ist nichts ausgemacht. Natürlich will der Gregor auch Weltmeister werden oder im Weltcup gewinnen. Und ich habe auch nichts gegen den Tourneesieg, aber für mich gibt es da eine klare Reihenfolge: Olympiasieg, Gesamtweltcup, WM und etwa gleichrangig die Tournee.

Standard: Wie hat sich das Verhältnis zu Schlierenzauer entwickelt?
Morgenstern: Wir profitieren sehr voneinander. Wir haben die gleichen Betreuer, annähernd gleiches Material, trainieren die gleichen Sachen. Einen besseren Maßstab gibt es nicht. Von ihm kann ich mir viel abschauen. Der Respekt ist sowieso da. Und ein bisschen Demut kann nicht schaden.

Standard: Und wie schaut es mit Deutschen, Finnen, Schweizern, Norwegern aus? Gibt es einen neuen Wunderspringer?
Morgenstern: Beim Surfen im Internet habe ich keinen gefunden. (Sigi Lützow, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 24. November 2008)

 

ZUR PERSON:

Thomas Morgenstern (22) holte 2006 in Turin mit dem Team und auf der Großschanze olympisches Gold. Vergangene Saison gewann der Kärntner zehn Einzelspringen und als erster Österreicher seit Andreas Goldberger (1996) den Gesamtweltcup.

 

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    Morgenstern: "Ich beginne in der neuen Saison wieder bei null"

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