Lieber am Weg als am Ziel

23. November 2008, 18:49
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David Hebenstreit alias Sir Tralala produziert berührende Elektronik- und Rockmusik - und präsentiert am Montag sein neues Album "This Kiss Could Tease" live im Wiener Fluc

Hebenstreit komponiert für Stummfilmklassiker, veröffentlich heute eine Platte - und sucht eine Wohnung. Ein Porträt.


Wien - "Ich brauche eine Wohnung - und ein Symphonieorchester", sagt David Hebenstreit, besser bekannt als Sir Tralala. Zwischen Profanem und Visionärem oszilliert auch das Werk des 30-Jährigen, der heute im Wiener Fluc seine neueste Veröffentlichung präsentiert und anschließend auf Österreichtournee geht.

Die Aufgabenstellung Wohnung ist wahrscheinlich einfacher zu lösen als die Sache mit dem Orchester. Anlass für dieses Begehren ist das titelgebende Stück von This Kiss Could Tease, der neuen Vinylveröffentlichung des Sirs, die zugleich der Vorbote auf sein im kommenden Jahr erscheinendes nächstes Album ist. This Kiss Could Tease ist ein klassisches Klavierstück, das mittels Orchester aus der elektronischen Trickkiste beträchtlich anschwillt.

Den sich aus diesem Stück speisenden Wunderkindverdacht will Sir Tralala aber nicht bestätigen: "Das habe ich bloß programmiert. Aber ich denke schon an die Live-Umsetzung, und dafür will ich ein Symphonieorchester auf die Bühne bringen. Das ist die Vision."

Sir Tralala ist ein umtriebiger Musiker, Veranstalter und DJ. Zuletzt spielte er etwa mit den Heavy Rockern BulBul, mit denen er im nächsten Jahr ein gemeinsames Album einspielen will, und er streicht die Violine bei der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune. Seine erste Veröffentlichung war das 2005 erschienene Album Flying Objects, They Don't Have A Brain. Es war dies ein irrwitziger Bastard aus Heimwerkerelektronik und Songwritertum, das mit einer Deutung von Nick Caves The Mercy Seat so etwas wie einen Minihit unter sehr, sehr Eingeweihten aufwies.

Mit dem Album ist er heute nur noch bedingt zufrieden. Es sei schlecht aufgenommen, aber besser sei es damals nicht gegangen. Hebenstreit lernt bei der Arbeit. Auf der Bühne ist der in Wien geborene und in Kärnten aufgewachsene Sir längst ein Routinier: "Mit drei Jahren bin ich zum ersten Mal auf einer Bühne gestanden. Bei einer kommunistischen 1.-Mai-Veranstaltung hätte ich ein Gedicht von Bert Brecht aufsagen sollen. Ich war aber zu nervös."

Gastritis mit zwölf

Zum Geigenspiel kam er, als er, gerade einmal fünfjährig, mit seiner Oma auf der Alm Musikanten-stadl schaute und dort einen Buben fideln sah. Das wollte Klein-David auch, obgleich die Hölle des Konservatoriums, auf das er später ging, im eine erste Gastritis einbrachte: "Da war ich zwölf."

Mit 14 spielte er "in einer Bluesrockband mit alten versoffenen Typen. Wir haben Muddy Waters und ZZ Top bei Bikertreffen in Kärnten nachgespielt. Von so einem Treffen mussten wir einmal flüchten. Seitdem kann ich eine Konzertanlage in einer Viertelstunde abbauen." Da war er 16.

Diese fröhliche Landjugend endete mit dem Umzug nach Wien vor zwölf Jahren. Diverse Studien liefen nicht wirklich karrierekonform: "Das Problem war, ich hatte kein Ziel."

Also beschränkte er sich auf den Weg und veröffentlicht auf diesem seine wunderliche Musik. Der Vermutung, seine Bühnenerscheinung - etwa Teufelshörner und rote Gesichtsbemalung - und sein seltsamer Kunstname ließen Rückschlüsse auf ein sehr kindlich lustvolles Wesen zu, widerspricht Hebenstreit: "Kindisch ist das gar nicht, eher grenzgängerisch bis ungesund manisch. Aber ich versuche heute weniger selbstzerstörerisch zu sein als früher."

Es folgen Aufzählungen gar nicht sportlicher, geschweige denn jugendfreier Zeitvertreibe. Aber das war früher. Meistens. Die Musik Sir Tralalas ist hingegen von einer infizierenden Sensibilität und Zärtlichkeit geprägt, der auch sein sympathisch bettlägrig klingender Gesang zuarbeitet. Elektronische Etüden stehen neben Rockstücken, etwa einer Interpretation von Lou Reeds Ode an das ungesunde Leben: Heroin. Live entscheidet er meist kurzfristig, was er macht.

Vor dem neuen Album vertont er noch für die Breitenseer Lichtspiele die Monumentalfilme Sodom und Gomorrha und Stadt ohne Juden. Schließlich braucht er Geld. Für die Wohnung und seine Vision, das Orchester. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.11.2008)

Sir Tralala live: 24. 11., Wien, Fluc. 26. 11., Graz, Music House. 28. 11., Klagenfurt, Volxhaus. 29. 11., Hohenems, s'Kästle. 30. 11., Innsbruck Project Bogen 23.

  • "Grenzgängerisch bis ungesund manisch", beschreibt sich David Hebenstreit alias Sir Tralala. Am Montagpräsentiert er seine neue Platte "This Kiss Could Tease" live im Wiener Fluc.
    foto: standard / robert newald

    "Grenzgängerisch bis ungesund manisch", beschreibt sich David Hebenstreit alias Sir Tralala. Am Montagpräsentiert er seine neue Platte "This Kiss Could Tease" live im Wiener Fluc.

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