Krise holt IWF-Vorzeigestaat Türkei ein

23. November 2008, 18:38
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Weil seine Banken keine faulen Kredite hatten, glaubte die Türkei von der Weltwirtschaftskrise nicht betroffen zu sein. Das Land braucht nun frisches Geld vom Währungsfonds

Istanbul - Es ist eine bizarre Szene. Mitten auf dem Marktplatz von Zonguldag, dem Zentrum des türkischen Kohlebergbaus an der Schwarzmeer-Küste, starren hunderte von Leuten darauf, wie ein Mann versucht, einen schweren Baum zu schultern um dann möglichst schnell einen großen Schutthaufen wegzuschaufeln. Was wie eine türkische Ausgabe von "Wetten, dass..?" anmutet, ist in Wirklichkeit ein Bewerbungsschaulaufen für einen der raren Arbeitsplätze in einer staatlichen Kohlemine. Für insgesamt 3000 Arbeitsplätze, die mit monatlich 1175 Lira (rund 550 Euro) bezahlt werden, hatten sich mehr als 35.000 Männer beworben. Die Mine entschied sich für die Tests mit Baumstämmen und Schaufeln, die immerhin 20.000 Mann bestanden. Unter diesen wurden dann die Jobs ausgelost. Der riesige Andrang auf die harten, schlecht bezahlten und gefährlichen Unter-Tage-Jobs ist kein Zufall: Die Zahl der Arbeitslosen in der Türkei ist so groß wie seit Jahren nicht mehr.

Schien es zunächst so, als hätte die globale Finanzkrise die Türkei nur gestreift, weil keine der großen Banken im Subprime-Geschäft involviert war, hat die Weltwirtschaftskrise mit kleiner Verzögerung inzwischen voll zugeschlagen. Täglich kommen neue Hiobsbotschaften vom Arbeitsmarkt. Erst tausend Entlassungen bei der größten Bank, dann 3000 gefeuerte Arbeiter in der Werftindustrie, zuletzt 10.000 bei den Autobauern und der Zuliefererindustrie. Vor allem die Autoindustrie, die sich in den vergangenen sechs Boom-Jahren zum Paradebeispiel des türkischen Wirtschaftswunders entwickelt hatte, ist nun besonders betroffen. Die Werke von Toyota, Renault, Mercedes und anderen, die hier für den europäischen und nahöstlichen Markt produzieren, sind massiv davon betroffen, dass kaum noch Autos verkauft werden. Offiziell wird die Arbeitslosigkeit mit 9,8 Prozent angegeben, Experten schätzen sie real auf 20 Prozent.

Dabei hat die regierende AKP von Ministerpräsident Tayyip Erdogan, seit sie infolge einer schlimmen Bankenkrise 2002 an die Macht kam, nach dem Attest des IWF und anderer Wirtschaftsweisen alles richtig gemacht. Verstärkte Annäherung an die EU, strenge Finanzdisziplin auf Kosten der Arbeitnehmer und der bis dahin subventionierten Landwirtschaft, großangelegte Privatisierung staatlicher Firmen und ein freundliches Umfeld für ausländische Investoren führten dazu, dass ausländische Investitionen in fünf Jahren von einer auf mehr als 20 Milliarden Dollar pro Jahr gestiegen sind und Wachstumsraten bis zu neun Prozent ermöglichten.

Kapitalabfluss

Doch genau dieser von außen befeuerte Aufschwung ist nun einer der Gründe für den Absturz. Auswärtiges Kapital wurde in den vergangenen Wochen in großem Umfang abgezogen. Die Börse stürzte um 50 Prozent ab und die Lira verlor fast in gleichem Umfang gegenüber dem Dollar an Wert. Da die Regierung ihre hohen Schulden vor allem durch ausländisches Kapital refinanziert hat, drohen nun große Zahlungsschwierigkeiten. Prompt stuften die großen Ratingagenturen das Land auf BB zurück, was neue Kreditaufnahmen deutlich verteuern wird. Lediglich der gefallene Ölpreis sorgt für etwas Luft.

Die Regierung steht der gesamten Entwicklung völlig hilflos gegenüber. Nachdem sie sich wochenlang auf den Standpunkt gestellt hatte, es gebe gar keine Krise, weil ja keine türkische Bank pleitegegangen sei, will sie jetzt kleinere Firmen mit billigen Krediten unterstützen. Doch dafür braucht sie frisches Geld, das derzeit nur vom IWF kommen kann. Im Mai waren alle Verträge mit dem IWF ausgelaufen und die Regierung wollte ohne Hilfe und Aufsicht aus Washington auskommen. Jetzt musste Erdogan doch wieder beim IWF anklopfen und um Geld betteln. Im Schnelldurchgang wird nun ein neues Paket zusammengebastelt. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2008)

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