Klagenfurt kann rechnen

23. November 2008, 18:45
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Eine Stadt wird EURO-Standort und kriegt ein neues Stadion - und das alles fast gratis

Wien/Klagenfurt - Seit 1. August muss die Stadt Klagenfurt der Baufirma Porr 1,432.813 Euro Leasingrate pro Quartal für einen Teil des Stadions zahlen. Die Porr hat 2005 nach großem Gerangel den Wettbewerb um den Stadionbau gegen Landeshauptmann Jörg Haider und die von ihm favorisierte Strabag gewonnen. 66 Mio. Euro wurden verbaut, Klagenfurt, Kärnten und der Bund zahlten je ein Drittel.

In der Grundsatzvereinbarung (18. 11. 2003) steht: "Spätestens bis 31. 12. 08 können das Land Kärnten und die Stadt Klagenfurt dem Bund mitteilen, dass der Ausbau das Basisstadions nicht im Land Kärnten verwendet werden soll und daher auf Kosten des Bundes demontiert werden soll." Vor einigen Wochen beschloss der Stadtsenat, das Stadion nicht wie vorgesehen auf 12.000 Sitzplätze zurückzubauen und dabei die oberen Ränge abzumontieren. Austria Kärnten bringe fallweise mehr Zuseher (Schnitt 07/08: 11.437), und für Europacup und Länderspiele seien 12.000 Sessel zu wenig.

Win-Win. Stattdessen bleibt "die Kubatur erhalten", wie Adolf Krumpl vom Büro des Bürgermeisters Harald Scheucher sagt, und rund 10.000 Sitze werden (vorübergehend) weggeräumt. Bleiben 22.000 Sitzplätze und der Vertrag mit der Porr, der offenbar der obere Rang gehört. Hier setzt nun die zweite Weisheit des Vertrags mit dem Bundeskanzleramt ein, wo zum Zeitpunkt der Unterschrift Hobbyfußballer Wolfgang Schüssel saß und eine Koalition mit Haiders Partei coachte. Entscheiden Land Kärnten (vom BZÖ geführt) und Stadt Klagenfurt (Scheucher = ÖVP) nämlich, nicht rückzubauen, kauft der Bund der Porr den Leasingvertrag ab. Das ganze Stadion geht ohne weitere Fisimatenten ins Stadteigentum über.

Win-Win-Win. Übrigens hätte der Bund auch beim Rückbau gezahlt, nämlich je 50 % des Drittels, das Kärnten und Klagenfurt zu den "Gesamtkosten des Ausbaus" beitrugen. Überschlagsrechnung: 66 Millionen betrugen die Gesamtkosten, macht je 22 Millionen für das Triumvirat. Der Ausbau wird ein Drittel ausgemacht haben, kriegen das Land und Klagenfurt also je vier bis fünf Mille auf die Hand.

Win-Win-Win-Win. Scheucher widmete 14 Millionen Euro, die er für ein nie gebautes Konferenzzentrum vom Land Kärnten herumliegen hatte, für den Stadionbau um. Kriegt er jetzt noch vier Millionen, hat er gerade einmal vier Millionen Euro selber aufzustellen. Für ein Haus, das 66 Millionen kostete und jedes Monat von Austria Kärnten 30.000 Euro Miete bringt.

Klagenfurts Vizebürgermeisterin Marie-Luise Mathiaschitz (SPÖ) kritisiert, "wie Steuergelder den Bach runtergehen". Sie verließ im Sommer das Präsidium des Sportparks aus Protest gegen die Alleingänge und die restriktive Informationspolitik Scheuchers. Die Betriebskosten des Stadions pro Jahr beziffert sie mit mindestens 700.000 Euro. Scheuchers Sekretär Krumpl setzt rund die Hälfte an.

Stahl wird nicht schlecht

In den EURO-Stadien in Innsbruck und Salzburg wurde die gleiche Vertragskonstruktion angewendet. Innsbruck wird rückgebaut, Salzburg nicht. Architekt Albert Wimmer, der alle drei Stadien plante, stellte die in Salzburg abgebaute Medientribüne (4000 Sessel) in Grödig wieder auf. Die in Innsbruck abgebauten Ränge wird wohl eine litauische Firma irgendwo in Europa aufstellen. Die Teile sind, dem steigenden Stahlpreis sei Dank, ein begehrtes Handelsgut. (Johann Skocek, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 24. November 2008)

 

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    In Kärnten steht ein Fußballhaus und Fußballhäuser zahlen sich aus.

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