Alte Kräfte für die neue Regierung

23. November 2008, 17:29
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Barack Obama setzt auf erfahrene Politiker - Die einzige Überraschung war bisher Timothy Geithner, der New Yorker Federal-Reserve-Mann, der nun Finanzminister in Washington wird

Mit „bedächtiger Hast" wollte Barack Obama an seinem Kabinett basteln. Nun überrascht er durch höchste Eile. Nur knapp drei Wochen nach seinem Sieg, früher als bei den meisten seiner Vorgänger, steht das Gerüst seiner Regierung. Mit den durchgesickerten Personalentscheidungen, die freilich alle noch offiziell bestätigt werden müssen, wird auch die Richtung klar. Während sich der Senator Obama links vom Zentrum positionierte, dürfte der Präsident Obama eine Politik der Mitte betreiben.

Allem voran ist es die Wahl des Finanzministers, die dabei die Weichen stellt. Timothy Geithner gilt als ruhiger Pragmatiker, blind für Parteifarben, sowohl für das Rot der Republikaner als auch das Blau der Demokraten. Als Direktor der New Yorker Filiale der amerikanischen Notenbank war er bereits unter George W. Bush aufs Engste einbezogen in die Feuerwehraktionen der Finanzkrise. Mit Geithner schlage Obama zwei Fliegen mit einer Klappe, glaubt Barney Frank, der Haushaltsexperte der Demokratischen Partei. „Der Mann steht für Kontinuität und Wandel zugleich."

Auch mit der Berufung seines nationalen Sicherheitsberaters möchte Obama ein Signal parteiübergreifender Kooperation setzen - etwas, was er seit zwei Jahren zu seinem Credo erhebt. Gesetzt ist James Jones, ein 64 Jahre alter Viersternegeneral, der Inbegriff des alten Haudegens, ein enger Freund John McCains. Jones begann seine Laufbahn bei den Marines in Vietnam, zuletzt profilierte er sich als vorsichtiger Kritiker des Irakkrieges. Genau wie Obama betont er, dass Washington die Gewichte des Truppeneinsatzes verlagern müsse. Die Konzentration auf den Irak habe dazu geführt, dass Afghanistan, der Brennpunkt des Anti-Terrorkampfes, vernachlässigt wurde. Bis vor kurzem war Jones Oberbefehlshaber der Nato, womit er zugleich den Einsatz des Bündnisses am Hindukusch kommandierte.

Hillary Clinton, schärfste innerparteiliche Rivalin des neuen Präsidenten, steht so gut wie sicher als nächste Außenministerin fest. Das Kapitel liest sich, als hätte es Obama seinem Lieblingsbuch abgekupfert, aus „Team of Rivals", einer Biografie Abraham Lincolns. Darin schildert die Pulitzer-Preisträgerin Doris Kearns Goodwin, wie weise der legendäre Staatsmann mit William Seward ausgerechnet seinen härtesten Konkurrenten zum Chefdiplomaten kürte. Einbinden wollte er ihn, den alten Widersacher. Obama, der sich gern als eine Art neuzeitlicher Lincoln in Szene setzt, folgt dem gleichen Ansatz. Indem er Clinton ins Boot holt, verhindert er, dass sie im US-Senat eine heimliche Opposition gegen ihn anführen kann. Zugleich macht er sich ihre Stärken zunutze: eisernen Willen, gepaart mit Erfahrung und Vorliebe fürs knifflige Detail.

Den letzten Stolperstein, das weit verzweigte Spendernetzwerk Bill Clintons mit seinen oft autoritär gesinnten Gönnern, hat man offenbar aus dem Weg geräumt. In Zukunft will der Ex-Präsident publik machen, wenn seine Stiftung von einem Prinzen aus Saudi-Arabien eine größere Zuwendung kassiert. Abgehakt sind auch die Scharmützel des Vorwahlduells, ob, wie und wann die USA mit Ländern wie Iran, Kuba oder Venezuela verhandeln sollen. Obamas Bereitschaft, sich ohne Vorbedingungen mit dem Iraner Mahmud Ahmadi-Nejad an einen Tisch zu setzen - Hillary hatte sie als die blauäugige Weltsicht verdammt.
Nur fragen sich kritische Köpfe eben doch, wie das auf Dauer gut gehen soll: eine Außenministerin, die im Auftrag eines Mannes um den Globus jettet, den sie noch vor Monaten als naiven Träumer skizzierte. Die Lösung: „Good Cop - Bad Cop" ist das Drehbuch, das sich Insider beim Team Obama/Clinton vorstellen können. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 24.11.2008)

  • Thimothy Geithner, der New Yorker Federal-Reserve-Mann, übernimmt das Finanzministerium.
    foto: epa/federal reserve bank of new york

    Thimothy Geithner, der New Yorker Federal-Reserve-Mann, übernimmt das Finanzministerium.

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    Profis im außenpolitischen Team Obamas: Hillary Clinton soll ins Außenamt einziehen, ...

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    ... Verteidigungsminister Robert Gates im Amt bleiben ...

  • ... und Vier-Sterne-General James Jones Sicherheitsberater werden.
    foto: epa/matthew cavanaugh

    ... und Vier-Sterne-General James Jones Sicherheitsberater werden.

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