Urlaub mit Vorsorge

23. November 2008, 17:00
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Medical Wellness im Urlaub - einheitliche Qualitätskriterien für Anbieter fehlen. Das Best Health Austria-Gütezeichen dient als Orientierung

"Früher war es nicht üblich, im Urlaub etwas für die eigene Gesundheit zu tun", erzählt Eva Adamer-König, Leiterin des Studienlehrgangs "Gesundheitsmanagement im Tourismus" an der Fachhochschule Joanneum in Bad Gleichenberg. Gut, gegen ein bisschen Sport oder gesunde Ernährung hatten viele Urlauber auch vor Jahren nichts einzuwenden. Der Entspannungs-Faktor lag aber deutlich im Vordergrund.

Mit dem steigenden Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung hat auch der Wellness-Markt zu boomen begonnen. Das Thema Gesundheit ist das ganze Jahr über hochaktuell und immer mehr Urlaubsanbieter folgen dem Trend. Neben zahlreichen Hotels, öffentlichen Badeanstalten und Kureinrichtungen werden, nebst Nahrungsmitteln, sogar Socken oder Töpfe mit dem Etikett Wellness geschmückt. Der Begriff Wellness ist dehnbar geworden. Als Gesundheitsmodell, das ursprünglich auf Prävention und die gesundheitliche Eigenverantwortung abzielte, nimmt ihn niemand mehr ernst.

Mit Medical Wellness wird das unseriöse Image nun aufpoliert. "Hier geht es um gezielte Vorsorge und medizinische Beratung im Urlaub", erklärt Adamer-König mit Betonung darauf, dass der zahlende Medical-Wellness-Gast im Unterschied zum klassischen Kurgast in der Regel noch nicht behandlungsbedürftig ist. Schönheit und Genuss spielen auch weiterhin eine Rolle, der gesundheitliche Benefit geht aber vor.

Den Konsumenten wird dafür einiges geboten: Vom simplen Ernährungsplan bis hin zur invasiven Magenspiegelung findet sich alles im medizinischen therapeutischen Repertoire. Ob das Angebot der eigenen Gesundheit auch tatsächlich dient, lässt sich im Vorfeld oft nicht erkennen. "Auch ein wenig gesunde Ernährung und Bewegung ist bereits gesundheitsförderlich und damit auch präventiv relevant. Medical Wellness ist das aber noch nicht", weiß Adamer-König und vermisst eine allgemein gültige Definition des neuen Begriffes. Aus ihrer Sicht liegt der Schlüssel zur Unterscheidung im Personal. Ein kompetentes Gesundheitsteam aus Ärzten, Physiotherapeuten, Sportwissenschaftern und Ernährungsberatern bestehend, will die Expertin deshalb in jedem Medical Wellness Betrieb angestellt wissen. Einem Personal Trainer mit dreitägiger Ausbildung zum Kinesiologen oder Wellnesscoach schenkt Adamer-König, in Bezug auf ihre Gesundheit, jedenfalls nicht viel Vertrauen.

Ausgebildetes Fachpersonal sollte zum Standard gehören, als Garant für gute Qualität reicht es noch nicht. Adamer-König verweist auf das Best Health Gütezeichen, einer Initiative der österreichischen Tourismus- und Wirtschaftskammer. 46 Hotels in Österreich führen das EU-weit gültige Zertifikat, das in den Abstufungen Bronze, Silber und Gold verliehen wird. Die Vergabe setzt große Bemühungen eines Betriebes voraus. Neben ungefähr 150 Kriterien, sind die geprüften Unternehmen verpflichtet, versprochene Wirkungen von Behandlungen nachzuweisen und die Therapien müssen unter anderem nachhaltig sein. Jährlich vier Innovationen im Bereich Gesundheit, geschulter Umgang mit behinderten Kunden und geringe Mitarbeiter-Fluktuation wird mit der goldenen Auszeichnung belohnt. In Österreich gibt es bis dato nur Bronze- und Silberbetriebe. "Vielleicht bietet das Gütesiegel auch Medical Wellness Anbietern mit die Möglichkeit, sich von anderen abzuheben", blickt die Gesundheitstourismusexpertin optimistisch in die Zukunft.

Eine positive Entwicklung, die den Konsumenten die Orientierung ganz sicher erleichtert und Enttäuschungen mitunter erspart. Das Problem: "Das alles findet nicht dort statt, wo Gesundheit auch stattfinden sollte", bedauert Adamer-König. Der typische Medical Wellness Urlauber leidet zwar auch unter Wohlstandserkrankungen wie Diabetes und Übergewicht. Er ist aber gesundheitsgebildet und kann es sich auch leisten etwas für seine Gesundheit zu tun. Die sozioökonomische Unterschicht dagegen wird weder mit Wellness- noch mit Medical Wellness-Angeboten erreicht. (Regina Phillipp/derStandard.at/23.11.2008)

  • Das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung steigt, Wellness boomt.
    foto: best health austria

    Das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung steigt, Wellness boomt.

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