"So lange können wir nicht warten"

25. November 2008, 18:24
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Wer von anderen abhängig ist, höre auf, sich um sich selbst zu kümmern, meint Ethnologe Axel Jeremiassen im derStandard.at-Interview, und fordert die völlige Autonomie Grönlands

Am Dienstag stimmt Grönland über eine weiter reichende Unabhängigkeit von Dänemark ab. Während das Land zwar in vielen Bereichen bereits autonom agiert, behält sich Dänemark, das Grönland jährlich knapp die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts an Subventionen zuschießt, die Autorität in Sachen Außenpolitik und Wirtschaft vor. Immer noch sind es zum Großteil dänische Zuwanderer, die an der Spitze der grönländischen Unternehmen stehen. Es sei höchst an der Zeit, den Inuit mehr Selbstbestimmung zu geben, fordert Ethnologe Axel Jeremiassen von der Universität Nuuk im Gespräch mit Maria Sterkl.

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derStandard.at: Grönland ist die größte Insel der Welt, hat aber nur 58.000 Einwohner und ist stark von Subventionen aus Dänemark abhängig. Halten Sie eine Unabhängigkeit Grönlands für realistisch?

Jeremiassen: Ich denke, es gibt keinen Weg zurück. Wir haben eigene Zollbestimmungen, um uns am Leben zu erhalten. Wir haben unser eigenes Bildungssystem, ein eigenes Gesundheitssystem. Aber uns fehlen nur monetäre und außenpolitische Angelegenheiten. Wenn man mit anderen Fischfangländern verhandeln will, muss man das über Dänemark tun. Wenn es darum geht, nach Öl oder Mineralien zu bohren, muss man erst Dänemark fragen. Dänemark sagt, dass Grönland jeden Gewinn, den es mit Öl oder anderen Rohstoffen erzielt, mit Dänemark 50:50 teilen muss. Erst nach zwei Milliarden können wir neu verhandeln, hat es geheißen.

derStandard.at: Gibt es unter den Inuit auch Gegner einer grönländischen Unabhängigkeit?

Jeremiassen: Ja. Es gibt eine politische Organisation, die sagt: Wir müssen zuerst an den sozialen Problemen, dem Alkoholismus, der Kriminalität, arbeiten, bevor wir unabhängig werden können.

derStandard.at: Wie stehen Sie dazu?

Jeremiassen: Ich denke anders. Wir werden immer soziale Probleme haben. Wenn wir die USA als Beispiel nehmen: Sie wollen ihr Drogenproblem durch eine starke Kontrolle der Grenzen Richtung Mexiko und Kanada lösen und verwenden eine Menge Geld dafür. Aber sie schaffen es nicht, weil es Nachfrage gibt. Genauso ist das hier. Wir werden immer soziale Probleme haben. Und sobald einer kommt und sagt, „Wir haben die Probleme gelöst", findet sich immer ein anderer, der meint: „Aber dieses und jenes passt noch nicht." So lange können wir nicht warten. Wir müssen daran in unserem eigenen System arbeiten.

derStandard.at: Grönland hat schon jetzt weitgehende Autonomie. Wo sehen Sie sich eingeschränkt?

Jeremiassen: Wir brauchen Unabhängigkeit, und da geht es ums Prinzip. Vergleichen wir Grönland mit einem Menschen: Jeder Mensch braucht Eltern, um aufzuwachsen. Wenn man erwachsen wird, muss man auf sich selbst aufpassen. Wenn man von einem Menschen abhängig ist, hört man auf, sich um sich selbst zu kümmern. Man denkt dann nicht an morgen oder übermorgen. Man geht einfach zu den Eltern und bittet sie um Geld, um Alkohol, andere Dinge. Wenn man unabhängig ist, denkt man ganz anders: Man konzentriert sich auf sich selbst, man überlegt sich: Was sind meine guten Seiten, meine Fähigkeiten, was kann ich tun, um zu überleben? Aber wir brauchen auch gleiche Chancen: Viele Dänen in Grönland verdienen in einem Monat das, was andere in einem Jahr verdienen. Wir haben sehr hohe Einkommensunterschiede.

derStandard.at: Dänemark wird oft als Vorbild in Sachen einer „sanften" Kolonialisierung gesehen.

Ja, das glauben viele Menschen in Europa und in den USA. Aber das haben sich die Grönländer selbst zu verdanken. Die Dänen wollten das Christentum in Grönland einführen. Also importierten sie dänische und norwegische Einwanderer nach Grönland, die für fünf Jahre hierher kamen und dann wieder zurückgingen. Es war eine neue Gruppe von Arbeitern, die nicht wusste, wie man hier ein Leben führen kann. Wenn sie nicht die Grönländer gehabt hätten, hätten sie es nicht geschafft. Sie waren auf die Inuit angewiesen.

derStandard.at: Wollen Sie sagen, dass die Dänen von den Inuit abhängig waren und Sie deshalb nicht unterdrücken konnten?

Jeremiassen: Ja. Und viele Grönländer waren gänzlich unabhängig von der Außenwelt. Natürlich bezogen manche Tabak, Kaffee, Waffen von außen, später auch Schiffe. Aber viele taten das nicht. Später änderte sich das. Und es änderte sich die traditionelle Kosmologie, die christliche Mentalität wurde übernommen. Aber die Grönländer schafften es immer, in so einer harschen Umwelt zu überleben. In manchen Gebieten scheint die Sonne vier Monate im Jahr lang überhaupt nicht. Viele Dänen können damit schwer umgehen - die Inuit können es.

derStandard.at: Sie haben soziale Probleme angesprochen. Meinen Sie die Alkoholabhängigkeit vieler Inuit?

Jeremiassen: Ja, ich glaube, Alkohol ist die größte Herausforderung. Wobei ja nicht der Alkohol selbst das Problem ist, sondern der Versuch einer Bewältigung anderer Probleme. Wenn Menschen nicht über ihre Probleme oder ihre sozialen Rechte sprechen können, beginnen sie zu trinken. Vor der Kolonialisierung gab es in Grönland keine Bestrafung von Kindern. Jedes Kind erreichte einmal das Alter, in dem es lernte, dass man Menschen respektvoll behandeln muss, denn sonst würde man bestraft werden, aber nicht durch die Eltern, sondern zum Beispiel durch schlechtes Wetter oder durch Pech. Also lernte man, die Menschen zu respektieren.

derStandard.at: Überspitzt gesagt: Mit dem christlichen Glauben kam der moralische Verfall?

Jeremiassen: Ein Beispiel: Der christliche Missionar Hans Egede bestrafte einmal Inuit, der sich negativ übers Christentum geäußert hatte, mit Stockhieben auf den Rücken, vor den Augen der anderen Dorfbewohner. Als Jahre später Hans Egedes Sohn auf der Flucht vor schlechtem Wetter ins Haus jenes Inuit kam, wurde er für drei Tage aufgenommen und wie ein König behandelt. Diese Geschichte zeigt, wie Respekt funktionierte. Würde das heute passieren - Hans Egedes Sohn würde grün und blau geschlagen werden.

derStandard.at: Haben die Inuit ein grönländisches Nationalgefühl?

Jeremiassen: Wir haben unsere eigene Sprache behalten, eine eigene Grammatik, eine Grundausbildung auf Grönländisch, wir haben Zeitungen auf Grönländisch. Es gibt eine Art nationaler Identität. Es muss aber noch viel passieren. Heute lernt man im Geschichtsunterricht viel über europäische Walfänger im 18. Jahrhundert und über die ersten Dänen in Grönland. Man erfährt nichts über unsere Kultur, die der Natives, die schon viel länger hier leben. Viele Geschichtsbücher fangen erst bei den Wikingern an. Sogar manche hochgebildeten Menschen hier sagen: Unsere Geschichte hat 1721 begonnen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 23.11.2008)

 

 

 

Zur Person

Axel Jeremiassen ist Ethnologe an der Universität Nuuk, Grönland

  • "Viele Dänen in Grönland verdienen in einem Monat das, was andere in einem Jahr verdienen": Ethnologe Jeremiassen
    foto: privat

    "Viele Dänen in Grönland verdienen in einem Monat das, was andere in einem Jahr verdienen": Ethnologe Jeremiassen

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