"Wir leben wie in einem Gefängnis"

22. November 2008, 16:39
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Bethlehems Bürgermeister für säkularen Einheitsstaat

Bethlehem/Berlin - Ein "einheitlicher demokratischer säkularer Staat Palästina, in dem Juden, Muslime und Christen ihren Platz haben" wäre nach Überzeugung des Bürgermeisters von Bethlehem, Victor Batarseh, einer Zwei-Staaten-Lösung vorzuziehen. "Doch wir wissen, dass die Israelis dies nicht akzeptieren. Deshalb haben wir der Zwei-Staaten-Lösung zugestimmt", sagte der 73-jährige christliche Politiker der Berliner Tageszeitung "Neues Deutschland". Derzeit würden die Palästinenser "in einem großen Gefängnis" leben. Die ganze Welt sehe die Erniedrigung des palästinensischen Volkes, "sie sieht mit an, wie die Israelis die Palästinenser misshandeln, und tut nichts".

UNO-Resolutionen

Einen lebensfähigen Staat für die Palästinenser könne es nicht geben, solange die israelischen Siedlungen die palästinensischen Gebiete teilten, unterstrich Batarseh. Nach dem Grenzverlauf von 1967 würden den Palästinensern 22 Prozent des geschichtlichen Palästina bleiben, "doch die Israelis planen, uns nur 13 Prozent zu lassen. Das werden wir nicht akzeptieren". UNO-Resolutionen würden im Fall von Afghanistan oder dem Irak erzwungen, niemals aber gegenüber Israel. Wenn sich Israel nicht daran halte, bleibe das immer ohne Konsequenzen. Die Welt behandle die Besetzten wie die Besetzer, "sie behandelt den schwächeren Teil, die Palästinenser, wie sie den stärkeren Teil, Israel, behandelt. Sie sprechen von Krieg und Terrorismus, aber sie sprechen nicht von Staatsterrorismus."

Wahlergebnis

"Palästina ist wahrscheinlich das einzige Land, in dem sich 40 Abgeordnete - rund ein Drittel des (2006 gewählten) Parlaments - in Gefängnissen einer ausländischen Macht befinden. Die Welt hat demokratische Wahlen verlangt, und diese Abgeordneten wurden in demokratischen Wahlen gewählt - doch das Ergebnis wird nicht akzeptiert. Auch viele Palästinenser mögen das Wahlergebnis nicht, aber wenn wir 'Ja' gesagt haben zu Wahlen, müssen wir auch die Ergebnisse akzeptieren", so der Politiker.

Kritik übte Batarseh an der Haltung der deutschen Regierung in der Nahost-Krise: "Die Deutschen wissen, was sie den Juden angetan haben, aber für ihre Schuld sollten nicht wir als Palästinenser zahlen müssen. Ich weiß, die Deutschen befürchten, als Antisemiten bezeichnet zu werden, wenn sie die Wahrheit sagen, aber Deutschland ist so stark geworden, dass es die Wahrheit sagen kann."

"Ein Sozialist kann an Gott glauben"

Der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Batarseh, Mitglied der marxistischen "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP), war 2005 als unabhängiger Kandidat mit den Stimmen der islamistischen Hamas zum Bürgermeister der 30.000 Einwohner zählenden Geburtsstadt Christi gewählt worden. Der praktizierende Katholik hatte einst erklärt: "Der Marxismus ist nicht gegen die Religion gerichtet, und ein Sozialist kann an Gott glauben".

 

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