Entsetzen über Selbstmord vor Webcam im Internet

22. November 2008, 16:30
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Familie des 19-Jährigen schockiert - "Sie hatten Hits, sie hatten Zuschauer, und stundenlang passierte nichts"

Der Selbstmord eines 19-jährigen Studenten vor laufender Webcam im Internet hat die amerikanische Öffentlichkeit erschüttert. Die Familie reagierte mit Entsetzen und Wut darauf, dass niemand der Zuschauer und auch der Betreiber der Webseite früher aktiv wurde, um Abraham Biggs zu retten.

Ende erst nach zwölf Stunden

"Das durfte nicht sein", sagte die Schwester des Selbstmörders, Rosalind Biggs. "Sie hatten Hits (Seitenaufrufe), sie hatten Zuschauer, und stundenlang passierte nichts." Biggs hatte seine Absicht, sich selbst zu töten, auf einer Internetseite für Bodybuilder angekündigt. Von dort leitete er mit einem Link zu Justin.tv weiter, einem Webportal, das Live-Bilder von Webcams überträgt. Die Übertragung des Selbstmords endete erst nach zwölf Stunden, als die schließlich doch alarmierte Polizei in Biggs' Wohnung eintraf und die Kamera abschaltete.

Tablettenüberdosis

Das Drama spielte sich am Mittwoch im US-Staat Florida statt. Ein Internetsurfer, der nach eigenen Angaben den Selbstmord beobachtete, sagte, Biggs habe mehrere Tabletten eingenommen und sich dann hingelegt. Es habe den Anschein gehabt, dass er atme und schlafe, während Zuschauer im Chat Witze machten. Biggs wurde von Polizisten tot auf dem Bett seines Vaters gefunden, nachdem doch einer der Zuschauer den Moderator des Webportals informierte. Der konnte den Standort des Selbstmörders ermitteln und alarmierte die Polizei. Einige Zuschauer des virtuellen Publikums hätten Biggs ermutigt, sich umzubringen, sagte eine Ermittlerin des Kreises Broward, Wendy Crane. Andere versuchten aber auch, ihn davon abzubringen. Wieder andere erklärten, sie hätten Biggs und seine Drohung nicht ernst genommen, weil er schon häufig von Selbstmord gesprochen habe.

Diskussionen

Eine weitere Gruppe diskutierte darüber, ob die von Biggs genommene Dosis aus Opiaten und Benzodiazepin tödlich sei oder nicht. Nach Angaben des Vaters, Abraham Biggs Sr., hatte sein Sohn die Mittel wegen seiner manisch-depressiven Erkrankung verschrieben bekommen. Als die Polizisten den Selbstmörder fanden, war der Bildschirm voller Online-Kurzschrift: "OMFG", "LOL", "Hahaha" - in der sogenannten Chatfunktion können User ihre Kommentare eintippen.

Betroffenheit

Die Kürzel bedeuten "Oh my fucking God" und "Laugh Out Loud" - "laut lachen". Er werde sich das Video nicht ansehen, sagte der Vater. "Wir waren sehr gute Freunde. Es ist falsch, dass dies zugelassen wurde." Betroffenheit machte sich auch in der Internet-Community breit: "Abe, ich wünsche immer noch, dass dies nur ein Scherz ist", schrieb ein Besucher auf Biggs' MySpace-Seite. Der Chef von Justin.tv, Michael Seibel, erklärte: "Wir bedauern, was geschehen ist und möchten, dass die Privatsphäre des Senders (Biggs) und seiner Familie in dieser Zeit respektiert werden." Es war nicht bekannt, wieviele Internetsurfer dem Selbstmord zuschauten.

Nicht der erste Selbstmord vor Webcam

Im Oktober hatte die Webseite insgesamt 672.000 Besucher, heißt es in der Reichweitenmessung der Firma Nielsen. Es war nicht der erste Selbstmord vor laufender Kamera im Internet. Eine Dozentin für Populäre Kultur der Staatsuniversität von Ohio, Montana Miller, sagte, Jugendliche dokumentierten heutzutage alles, was sie für wichtig hielten und stellten es ins Internet. "Falls es nicht aufgezeichnet ist, scheint es ihnen nicht wichtig. Für die heutige Generation scheint zu gelten: 'Warum soll man etwas machen, wenn es nicht alle sehen werden?'" Sie verglich Briggs Selbstmord mit anderen Arten, in der Öffentlichkeit Selbstmord zu verüben - etwa sich von einer Brücke stürzen. Die Ermittlerin Crane sagte, sie kenne einen Fall, bei dem sich ein Mann in Florida vor einem Online-Publikum in den Kopf geschossen habe. In Großbritannien erhängte sich im vergangenen Jahr ein Mann, während er sich an einem Online-Chat beteiligte.(APA/AP)

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