Erholung bei Blumenkindern

24. November 2008, 17:00
8 Postings

Die Wellnessbranche wächst - oft mit Qualitätseinbußen. Der Relax Guide hilft bei der Auswahl. Mit Ansichtssache der zehn besten Betriebe

Bereits zum zehnten Mal lehrt der Wiener Journalist Christian Werner die Betreiber der Wellnesshotels in Österreich das Fürchten - oder das Freuen über eine verdiente Auszeichnung für herausragende Qualität in verschiedenen Kategorien. Der Relax Guide, inzwischen zum Non-Plus-Ultra in der Bewertung für Wellnessbetriebe avanciert, beinhaltet in der Ausgabe für das Jahr 2009 alle 900 Spa- und Kurhotels Österreichs und einen Sonderteil mit sämtlichen Spa-Hotels in Marokko.

Dumpingpreise und Konkurrenz aus Osteuropa

90 Hotels sind seit 2008 dazugekommen. Das bedeutet einen Rekordzuwachs. "Das Wachstum hat seit zehn Jahren zugenommen. Wenn es so weitergeht, wird es allerdings zu Überkapazitäten kommen, in einigen Regionen, wie etwa dem steirischen Thermenland, ist das schon jetzt der Fall", schildert Werner die aktuelle Situation. Durch die EU-Osterweiterung sei zudem neue Konkurrenz für Betriebe in Österreich am Markt aufgetaucht. EU-Förderungen (etwa in Slowenien mit bis zu 50 Prozent) und geringere Lohnkosten würden zusätzlich für härte Bedingungen für heimische Hotels sorgen. "Die gesamte Wellness-Hotellerie investiert nahezu ungebremst weiter", so Werner weiter. Für den Konsumenten würde es durch das Mehr an Angeboten aber nicht leichter, seriöse Anbieter und Produkte herauszufiltern. Wellnessurlaube zu Dumpingpreisen von verschiedenen Lebensmittelketten würden ebenfalls für gewisse Erschütterungen in der Branche sorgen.

Objektivität ist das oberste Gebot

Umso wichtiger ist es, einen Leitfaden in Händen zu halten, der es den Verbrauchern ermöglicht, sich einen Überblick über das immer weiter ausufernde Angebot an Hotels zu verschaffen und eine Entscheidung zu treffen. "Wir testen immer anonym", so Werner. Die Objektivität der Bewertung ergäbe sich durch die Tatsache, dass jeder Tester mindestens 300 Hotels in verschiedenen Regionen gesehen haben muss. Subjektiv sei höchstens die Auswahl der Bewertungskriterien, zu denen Lage, Ambiente, Küche und Dienstleistungsqualität, Preis und Wert sowie die Qualität von Beratung und Verkauf zählen. "Wir beobachten, notieren uns alles und beschönigen nichts", erklärt Werner die Vorgehensweise seines Teams. Ganz ausschließen könne man eine gewisse Subjektivität aber nie, da "ein Hotel ein lebendiges System und keine tote Maschine ist, und sozusagen ein Bild, das man nicht isoliert betrachten kann, weil man selbst darin enthalten ist", so Werner.

Wellness ist ein dehnbarer Begriff

Nur 39 Prozent aller getesteten Hotels konnten nach der Bewertung durch die Mitarbeiter des Relax Guide mit mindestens einer Lilie ausgezeichnet werden, nur zehn Hotels haben die Spitzenbewertung von vier Lilien erhalten. "Wellness ist kein geschützter Begriff. Viele wollen das anbieten, haben aber manchmal bestenfalls eine Kellersauna", so Werner zur Problematik. Nur zwei Drittel hätten ein Hallenbad, neun Prozent würden nicht einmal Massagen anbieten. Nur ein Fünftel der "Wellnesshotels" biete ein ganzjährig beheiztes Freibecken an und nur acht Prozent einen Naturschwimmteich. Dazu käme noch, dass das Ambiente manchmal alles andere als Förderlich für das Wohlbefinden sei und die Küche in manchen Hotels weder Gaumen noch Gesundheit diene.

"Die Konsumenten werden aber immer erfahrener", ist sich Werner einer gewissen Selbstregulation innerhalb der Branche sicher. Besondere Bedeutung wird auch der Qualität der Behandlungen beigemessen, die sich laut Werner in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert habe. Die Durchführung sei mangelhaft, die Preise überhöht. Deshalb gibt es im Relax Guide 2009 neben den Top-Rankings in den Sparten Gourmet, Kindereignung und Poolwasserhygiene dieses Jahr auch zum ersten Mal die Top 25 im Bereich der Massagen.

Poolwasserqualität steigt

Die Poolwasserqualität hat sich seit dem Vorjahr merklich gebessert. Obwohl nach wie vor nur jeder fünfte Pool den Vorschriften entsprechen würde, seien die Grenzwertüberschreitungen deutlich geringer ausgefallen als im Vorjahr. Tester haben 220 Hotel-Pools untersucht und bei 880 Einzelmessungen der Wasserqualität in Wellness- und Kurhotels in Österreich und Deutschland einen starken Rückgang der Abweichungen vom Standard festgestellt. Im Vorjahr hatten die Untersuchungen mit der Veröffentlichung der verheerenden Wasserqualität in Wellnesspools für einigen Wirbel in der Hotelindustrie gesorgt. Werner sieht nun eine deutlich gestiegene Bereitschaft der Hotellerie, die Poolwasserproblematik ernst zu nehmen.

Wirtschaftsfaktor Wellness

Österreich hat relativ gesehen die größte Wellnesshoteldichte der Welt und generell ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Niveau in diesem Sektor. Allerdings ist die Dauer eines Wellnessurlaubs durchschnittlich auf drei bis vier Tage beschränkt und hat daher kaum Bedeutung für Fernreisen. Daher wirkt sich die hohe Dichte an Wellnesshotels im internationalen Tourismusgeschäft kaum aus, wenn man von den unmittelbaren Nachbarn Schweiz, Deutschland oder Ungarn absieht.

Die aktuelle Wirtschaftssituation habe laut Werner noch keine merklichen Auswirkungen auf die Wellnessbetriebe in Österreich. "Die Stimmung oszilliert zwischen Wunschdenken und Angst. Zu erwarten ist, dass die Krise sogar als Verstärker für den Wellness-Tourismus fungieren könnte", sagt Werner. Die Menschen würden zwar bei Auto und Fernreise den Gürtel enger schnallen, ein paar Tage Wellness würde man sich aber wohl auch weiterhin gönnen, lautet die Prognose von Werner. "Die Sehnsucht nach Relaxen wird eher weiter steigen", so Werner. Der Alltag würde sich für die meisten Menschen immer stressiger gestalten und damit verbunden würde auch der Wunsch nach ein paar Tagen Erholung immer größer werden. (ham/derStandard.at/24.11.2008)

Informationen:
Relax Guide 2009 Österreich
ISBN 978-3-902115-27-0
287 Seiten; 17,90 Euro

  • Wellness-Anwendung im Salzburgerhof in Zell am See.
Die zehn Top-Wellnesshotels Österreichsaus dem Relax Guide 2009 in einer Ansichtssache.
    foto: salzburgerhof/paul dahan

    Wellness-Anwendung im Salzburgerhof in Zell am See.

    Die zehn Top-Wellnesshotels Österreichs
    aus dem Relax Guide 2009 in einer Ansichtssache.


Share if you care.