Das Leben ist nichts als Vorstellung

21. November 2008, 20:06
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Neu übersetztes Hauptwerk: Romain Garys "Frühes Versprechen"

Was ist zuerst da - das Leben oder der Roman? Was war zuerst da - die Vorstellung der Mutter, aus ihrem Sohn einen Diplomaten und Schriftsteller zu machen, oder das autobiografische La Promesse de l'Aube, das Romain Gary 1960 als Diplomat und berühmter Autor schrieb? Jedenfalls ist das neuübersetzte Hauptwerk des Franzosen, der 1914 als Roman Kacew in Vilnius als unehelicher Sohn einer jüdisch-russischen Schauspielerin geboren wurde und 1980 von eigener Hand starb, eine wunderbare Möglichkeit, diesen kraftvollen Erzähler wiederzuentdecken.

Romains Mutter dichtet ihrem Sohn eine blendende Zukunft an als Musiker, Maler und Sänger - wofür seine Talente nicht ansatzweise ausreichen - wie als Dichter. Vor allem aber als Diplomat in Diensten Frankreichs. Sie unternimmt alles Mögliche und Unmögliche, um aus ihm das von ihr prophezeite Genie zu machen: schlägt sich als Modistin in Vilnius durch und emigriert mit ihm 1928 nach Nizza und umstrickt ihn weiter mit überlebensgroßen Fantasien, die Realität werden. Romain studiert Jus, kämpft aufseiten de Gaulles, wird ausgezeichnet und erhält 1945 das Angebot, in den diplomatischen Dienst einzutreten. Da ist sein erstes erfolgreiches Buch gerade erschienen. Frühes Versprechen ist eine Doppelbiografie und ein Monument der Mutter. Die Abenteuer sind eng mit dem Leben der Mutter verwoben. Am Ende liest sich dieses Leben wie ein überbordender Roman, ersonnen von Romain Gary. (Alexander Kluy / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./3.11.2008)

 

Romain Gary, "Frühes Versprechen". Deutsch: Giò Waeckerlin Induni. € 23,50 / 416 Seiten. SchirmerGraf Verlag, München 2008

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