Auf die weiche Tour

22. November 2008, 12:00
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Im Schweizer Haus Hadersdorf wird seit zehn Jahren ein österreichweit einzigartiges Konzept der Drogentherapie verfolgt

Es riecht deftig in der langgezogenen Küche, aus den Kesseln steigt weißer Dampf auf. Chef-Koch Gio* wischt sich kleine Perlen von der Stirn, während er den Ofen öffnet und nicht ohne Stolz das Gericht des Tages präsentiert: Lammbraten mit Rotkraut und Kartoffelknödel. "Es ist ein neues Rezept, aber ich glaube, es wird was", befindet er mit kritischem Blick.

Dass es an diesem Herbsttag so richtige Hausmannskost gibt, lässt nur zufällig an das andere Schweizerhaus in Wien denken. Jenes, das im Prater mit seiner Stelzen-Bier-Kombination allseits für kollektive Vergnügungslaune bekannt ist. Das Schweizer Haus Hadersdorf (SHH) hingegen kennt kaum jemand. Gemeinsam ist ihnen außer dem Namen auch höchstens, dass es da wie dort so manchen Gast gibt, der ziemlich "zua" ist.

Weit weg vom Riesenrad, am westlichen Rand von Wien, wo sich Vorstadtvillen in den Wienerwald drängen, befindet sich die einzige Einrichtung Österreichs, in der Menschen mit Drogenproblemen auch dann eine stationäre Therapie machen können, wenn sie noch nicht clean, sondern substituiert sind, also Ersatzdrogen verabreicht bekommen. Der einzige Ort, wo Abhauen oder ein Rückfall nicht den Rausschmiss bedeutet, sondern es jedem überlassen bleibt, wieder in die Therapie zurückzukehren - die in über zwei Drittel der Fälle auf richterliche Weisung verordnet wurde. "Therapie statt Strafe" heißt das Konzept, das sich seit nunmehr zehn Jahren in Hadersdorf zu behaupten versucht.
Villa für Gestrandete

Etwas von der Straße zurückversetzt liegt die ergraute Villa, hinter der sich ein weitläufiger Park mit Nebengebäuden erstreckt. Einst wohnte hier der Kaufhausbegründer Alfred Gerngross mit seiner Familie. Als seine Nachfahren vor den Nazis flüchteten, übergaben sie die Liegenschaft dem Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz. Bevor das Haus 1947 ein Waisenheim wurde, nutzte es die deutsche Luftwaffe als Kommandozentrale, danach die russische Armee als Lazarett. 1998 zogen die ersten Süchtigen ein. Heute ist Platz für knapp 40 Drogenkranke.

Der Himmel ist milchweiß an diesem kühlen Vormittag, ein paar junge Männer sitzen rauchend auf einem Bankerl am kiesbestreuten Vorplatz, andere sind mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze damit beschäftigt, in monotonen Bewegungen das Laub auf dem Rasen zu rechen. Drinnen ist es belebter, immer wieder flitzt jemand durch das Stiegenhaus. Eine Frau sitzt im Wartezimmer der Ambulanz, ein desorientiert wirkender Teenager fragt mit trübem Blick nach dem Weg zu seinem Therapieraum.

"Mich stört, dass viele hier extrem zua herumhängen", sagt Marlene. Seit vier Monaten wohnt sie in "Europa", der Station für Frauen, die wie alle fünf Wohngruppen nach einem Kontinent benannt ist. Die 31-Jährige mit den schwarz gefärbten Haaren und den blauen Augen will es diesmal schaffen. Nach einer 15-jährigen "Suchtgiftkarriere", während der sie "alles Mögliche" genommen hat, und mehreren Gefängnisaufenthalten ist ihr erst mal niedrig gestecktes Ziel: "mit der Substitution auskommen und sie nicht missbräuchlich verwenden".

Nach dem sechsmonatigen stationären Aufenthalt will Marlene wie vorgesehen in die dezentrale Therapiephase wechseln. Das bedeutet, für ein weiteres halbes Jahr in eine eigene, betreute Wohnung zu übersiedeln, weiter die Einzel- und Gruppentherapien zu besuchen und mit Sozialarbeitern und Kursen am Aufbau eines selbstständigen Lebens zu arbeiten.

Ihr Freund Thomas ist Marlene nachgefolgt und lebt seit zwei Monaten als einer der wenigen, die sich ganz freiwillig für einen Neustart entschlossen haben, in Hadersdorf. "Ich sehe es als Sanatorium, um mich zu erholen und zu mir zu finden", sagt der 32-jährige gelernte Reprotechniker mit den tiefliegenden Augen. Nach Jahren exzessiven Konsums, vor allem von einem Mix aus Kokain und Heroin oder "Benzos" genannten Tranquilizern, und dem anschließenden Totalabsturz sei die Notbremse unumgänglich gewesen - so schwer die erste Zeit der Umstellung auch war. "Wenn man es hier schafft, keine Drogen zu nehmen, dann hat man es wirklich geschafft", spricht Thomas das Problem an, dass auf alle erdenklichen Arten Stoff ins Haus geschmuggelt wird. Was es nicht leichter macht, den Gedanken an jenes Gefühl loszuwerden, das über lange Zeit jeden Moment des Lebens bestimmt hat.

"Damit muss man umgehen lernen", stellt Marlene fest. "Man braucht viel Eigenverantwortung." Carlo hat es in mehreren Therapieversuchen auch schon anders erlebt. Völlige Abschottung, Drill - all das hat ihm nichts gebracht. "Auch in anderen Einrichtungen kann man zu Drogen kommen. Der Unterschied ist, dass hier darüber gesprochen wird", sagt Carlo. Sein nächstes Ziel ist es, wieder einen Job zu finden. In der "Szene" hat er sich nie bewegt, auch in der Computerhandlung, wo er als Verkäufer gearbeitet hat, ist keinem etwas aufgefallen.

Auch Chef-Koch Gio hatte schon einen Entzug hinter sich, bevor er ins Schweizer Haus kam. 16 Stunden nach der Entlassung hat er sich eine Überdosis verpasst. "Hier kann man lernen, mit der Sucht zu leben. Das ist eine realistischere Betrachtungsweise als anderswo", ist er überzeugt: "Hier wird Menschen eine Chance gegeben, die sonst nirgends eine hätten." Das Fixen und die damit einhergehende Flucht vor sich selbst hat ihn "im Laufe seines Lebens alles gekostet, was ihm lieb und teuer war - Heim, Job, Beziehung, selbst die Freiheit", wie er in der hausgemachten Zeitung flaSHH schreibt.

Draußen im Freien werken ein paar stationäre Patienten in ihrem Arbeitsbereich vor sich hin. In Blaumann und Gummistiefeln werden Bretter lackiert, in der Kreativwerkstatt, wo vor allem die Neuankömmlinge beschäftigt sind, bastelt ein junger Mann an der Reproduktion der serbischen Flagge auf einer Holzplatte. Zwei etwas ältere Männer falzen in der Buchbinderei dickes Papier, das sie in Handarbeit zu Tagebüchern zusammennähen, welche von allen geführt werden müssen. "Eine Pensionistenarbeit", grinst der eine.

Rückfall als Bewältigung

Weiter hinten kümmern sich andere ums Einwintern der Gemüsebeete oder um die Hühner, die hinter einem hohen Zaun herumlaufen. "Viele bauen mit den Tieren eine Beziehung auf", sagt Regina Agostini, die therapeutische Leiterin des Schweizer Hauses Hadersdorf, während sie durch das Gelände führt. Mindestens ein Drittel der hier gelandeten Abhängigen hat eine Persönlichkeitsstörung, häufig sind sie Borderliner. 60 Prozent der Frauen - in Hadersdorf deutlich in der Minderheit - haben Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch oder anderen traumatischen Erlebnissen.

"Eine Psychotherapie ist am erfolgreichsten, wenn der Patient nicht auf Substanz fokussiert ist", erklärt Agostini die Strategie, Psycho- und Arbeitstherapie mit einem stationären Substitutionsprogramm zu kombinieren. Mit dem offenen Konzept, das einen flexiblen Wechsel zwischen stationärem, ambulantem und halbstationärem Modell ermöglicht, könnten genau jene Suchtkranken angesprochen werden, die einen langen und mit Kriminalität verbundenen Drogenkonsum hinter sich haben und durch andere Einrichtungen schwer oder gar nicht erreicht werden. "Drogen können stabilisierend wirken. Deswegen sehen wir einen Rückfall als Bewältigungsmodus." Vier von zehn Patienten brechen die Therapie ab, meist in den ersten ein bis drei Monaten, viele kämen aber nach ein, zwei Wochen wieder zurück.

Über "Erfolgsquoten" redet Harald Spirig, Geschäftsführer des Schweizer Hauses, nicht so gern. "Das lässt sich zahlenmäßig nur bedingt erfassen." Von den meisten, die die Therapie erfolgreich beenden, höre man schließlich nichts mehr. "Es gibt keinen linearen Verlauf des Entzugs. Ein Erfolg ist es, wenn es gelingt, die Lebensqualität zu erhöhen und die Zeit in Abhängigkeit zu verkürzen."

Von den vier Patienten hat Mario die Station als Erster verlassen und ist nun in der dezentralen Therapiestufe, teilt Spirig ein paar Wochen nach dem Besuch mit. Gio und Thomas sind weiter in Hadersdorf. Marlene ist derzeit in Polizeihaft, wo sie mehrere unbezahlte Verwaltungsstrafen absitzt, ihr Therapieplatz bleibt für sie reserviert. "Es kommt öfters vor, dass die Polizei vor der Tür steht, wenn Klienten wieder eine feste Meldeadresse aufweisen", berichtet Spirig. "Auch das ist ein Stück Alltag vieler Drogenabhängiger, der sie beim Versuch, wieder Fuß zu fassen, einholt." (Karin Krichmayr, DER STANDARD Printausgabe, 21./22.11.2008)

* Die Namen der Klienten wurden geändert.

Zur Person:

Karin Krichmayr, geb. 1979 in Linz, studierte Publizistik und Portugiesisch an der Universität Wien. Sie arbeitete zunächst in der Chronik des STANDARD. Seit 2007 ist sie Beilagen-Redakteurin.

  • Stufe für Stufe in ein selbstständiges Leben zurückfinden: Im Schweizer Haus Hadersdorf wird Substitution mit Therapie kombiniert. Drei Viertel der Patienten können sich damit eine Haftstrafe ersparen.
    foto: heribert corn

    Stufe für Stufe in ein selbstständiges Leben zurückfinden: Im Schweizer Haus Hadersdorf wird Substitution mit Therapie kombiniert. Drei Viertel der Patienten können sich damit eine Haftstrafe ersparen.

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