Feine Universen der überschaubaren Art

21. November 2008, 20:02
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"Neuordnung", "Nachtblues" oder "Die Theorie" heißen die frischen Miniaturen von Günther Kaip, dem Meister der kleinen Erzählungen

Tage und Jahre, einmal in Fluss geraten, laufen unauffällig ihrem Ende entgegen, oder im Kreis, oder vor das Blickfeld eines Beobachters. Günther Kaip, der Meister der kleinen Erzählungen, stellt im neu gegründeten Klever Verlag einen Strom voller Miniaturen vor. Alles fließt, die Dinge laufen ineinander, ohne Schaden zu nehmen, es kommt aus heiterem Himmel zum formidablen Crash zwischen scheinbar unversöhnlichen Begriffen, und siehe, aus diesen Urknallen der Sätze entstehen feine Universen der überschaubaren Art.

Damit der Miniaturen-Fluss schiffbar bleibt, hat ihm Günther Kaip fünf markante Biegungen verpasst, jeweils als Kapitel überschrieben. Die Miniaturen funktionieren auf den ersten Blick wie ein magischer Zeitungsartikel.

Eine aufregende Überschrift zwingt das Leserauge in die Tiefe des jeweiligen Textes. "Neuordnung", "Nachtblues", "Die Theorie", "Der einarmige Dirigent", "Wir gehen weiter" heißen solche Texte, die ein Problem oder ein skurriles Ereignis aufreißen.

Scheinbar logisch kommt es in der Miniatur dann zu einer Begebenheit aus Ort und Zeit zusammengefügt, manchmal betritt auch der Held die Szenerie, und der erste Satz verspricht jeweils eine ordentliche Geschichte von dieser Welt. "Die Tür öffnet sich", "Es kommt über die Schwelle an Land", "Wo die Zeile zerbricht, fehlen zwei Drittel" lauten diese Eingangssätze, die den Leser mit einem geraden Satz einfangen voller Spannung. Doch dann biegt der Eingangssatz in ein anderes Metier ab, aus einer Bildbeschreibung wird eine physikalische Bemerkung, aus einem Gefühlszustand eine Wetterlage, aus einem Licht etwas Haptisches, worum sich sogar Staub wickeln lässt.

Bis das Handgelenk bricht

Was diese Kleinodien der leicht verzahnten Ebenen generell bezwecken, zeigt vielleicht die Episode einer kleinen Begriffskunde. "Kleine Begriffskunde / Die Dinge sprechen ihre Qualen aus, zeichnen auf den Himmel Wolken und gebrauchen lauthals den Begriff: Wucherungen. Zwei Sekunden später erfinden sie sich in fremdartigen Substanzen neu, die eine bedrohliche Nostalgie entwickeln, ergreifen jede dargebotene Hand, schütteln und drücken sie, bis das Handgelenk bricht."

Die Texte sind allesamt im Fluss, schwimmen aufeinander zu, stoßen sich ab und nehmen plötzlich den Leser in ihre Mitte. Als Epilog getarnt kommt ein Ich noch ins volle Schwärmen. Auf die Frage, was jemand gemacht habe, zählt dieser alles auf, und es entsteht beinahe schon wieder ein Buch.

Günther Kaip erzählt verrückt, verschränkt, gelöst und klar, und das alles oft in einem einzigen Satz. Als Leser ist man entführt in ein Reich voller Fantasie, in das man freilich nur bei klarem Kopf eintreten darf. (Helmuth Schönauer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./3.11.2008)

 

Günther Kaip, "Im Fluss. Miniaturen".  € 15,90 / 128 Seiten. Klever Verlag, Wien 2008

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