Tourist in der eigenen Existenz: "Das russische Fenster"

21. November 2008, 19:58
posten

Wo die Gespenster kommen und gehen: ein neuerlicher Mitteleuropa-Roman von Dragan Velikic - erfolgreich und preisgekrönt

Man sagt, dass manche Autoren ihr ganzes Leben lang einen einzigen Roman in vielen Anläufen schreiben. Auf den postmodernen poeta doctus Dragan Velikic trifft dieser Befund sicher und nicht ganz unbeabsichtigt zu, rotieren seine Texte doch geradezu besessen um mehrere Fixpunkte: sein immer wieder aufgesuchtes Universum Mitteleuropa, wo die Gespenster kommen und gehen, die Regimes und die vielen kleinen Unterschiede, um die so viel Aufhebens gemacht wird.

In einer Art von Erinnerungsgeografie werden sie einer literarischen Begehung unterzogen, einer flanierenden Feierstunde der Aura, mit der die auch banalsten Gegenstände sich aufgeladen haben, während sie den merkwürdig passiven Menschen Gesellschaft leisteten in der Geschichte dieser Breiten. Denn Literatur ist, wie Velikic sagt, "ein Loch in der Wand, (...) ein Ziegelstein weniger, eine Öffnung, durch die man besser sieht".

In seinem aktuellen Roman Die russischen Fenster ist es etwa ein Löffel aus dem Orient-Express, den der pensionierte jugoslawische Bahnhofsvorsteher Miodrag an der Bahnstrecke vor seinem Kaff Sicevo findet: "Jeder Mensch ist eine stumme Landkarte, in die im Laufe der Jahre Gegenstände, Menschen und Ereignisse die Spuren ihrer Gegenwart eintragen." Der Roman, der seit seiner Originalausgabe 2007 eine veritable Bestseller- und Preisorgie in Serbien und Montenegro ausgelöst hat, wird jetzt auch in Österreich mit dem neu geschaffenen Mitteleuropa-Preis dekoriert; es hat sich abgezeichnet.

Velikics diesmaliger Protagonist ist Rudi Stupar, Enkel Miodrags und Sohn einer schönen Theaterschneiderin - ein Landei, das es nach Belgrad zieht, um dort ein verkrachter Schauspielschüler und Germanistikstudent zu werden. Hier wird er auch als der bezahlte Zuhörer und verhinderte Biograf eines Musikers und einer alternden Diva dahinleben, bis ihn der drohende Einberufungsbefehl in die serbische Diaspora von Budapest flüchten lässt. Von dort weiter nach Deutschland, wo er als Loser de luxe in einem Bestattungsinstitut Karriere machen darf, vor und nach einigen nicht sehr er- giebigen Affären: "Mit einer Frau zusammenzusein, das war so et-was wie ins Kino zu gehen, in den Tiefen des Zelluloids zu versinken."

Ein Satz, der Velikic schwerlich die Sympathien einer Gender-Lektüre einbringen wird (und er hat häufig kein politisch korrektes Händchen für Liebes- und Sexszenen). Sein Werk lässt sich aber durchaus als kollektive Biografie männlicher Identitätsflucht lesen - Bücher über Typen, die sich von ihrem Dasein überfordert fühlen und die vor allem keine Macher sein wollen. Wie der serbische Autor nicht müde wird zu wiederholen, sind seine Protagonisten Trittbrettfahrer, "Gäste", ja "Touristen" in ihrer eigenen Existenz, oder, wie Rudi, "Eigentümer eines vertagten Lebens". Damit wissen sich Velikics Blindflieger in durchaus illustrer literarischer Gesellschaft, und so macht die mangelnde Fähigkeit, die richtigen Weichen zu stellen, auch Rudi zu einem entfernten Verwandten von Musils Mann ohne Eigenschaften ebenso wie von Woody Allen, Camus' Fremden und Joseph Roths müde herumstreifenden Helden. Die Flucht vor den sinnlosen Alltagsritualen der anderen, die sie Arbeit und "Verpflichtungen" nennen, führt ihn in den Müßiggang, die Verschwendung und letztlich in die Literatur. Denn Rudi erkennt, dass "der Sinn künstlerischen Schaffens das Bedürfnis nach einer verrückten Verdopplung war; das Vibrieren über dem, was war oder was hätte sein können". Hier erst scheint sein "Möglichkeitssinn" lebbar.

Rudi wird damit aber auch zum postmodernen Décadent des Millenniums, bei dem man nicht weiß, ob sein Exil den Zeitumständen oder der eigenen Lebensunfähigkeit geschuldet ist: "Die Aufführung, in der er der zentrale Held war, wurde nicht deshalb besser, weil sie sich auf der Bühne einer unbekannten Stadt abspielte, doch lag etwas in der Luft", heißt es einmal. Trotz der geladenen Rahmenbedingungen bleibt indes die Politik und insbesondere die jugoslawische Tragödie der 1990er-Jahre im Roman merkwürdig vage, ja fast auf einen blinden Fleck gerückt - nicht wie bei anderen ex-jugoslawischen Autoren, wo sie als grimmiger Zombie wiederkehrt. Doch dazu kreist Rudi zu sehr um den eigenen Nabel und scheint sein Kult der Erinnerung eigentlich auf einem Vergessen(-Wollen?) zu fußen.

Damit freilich steht er wie auch die anderen eloquent passiven Helden von Dragan Velikic in einem seltsamen Kontrast zur reichlich vollen - und aktiven - Vita des 1953 im istrischen Pula geborenen Autors, der nach seinem Studium in Belgrad einer der wichtigsten kritischen Journalisten der Milosevic-Ära wurde. Nach diversen Exilen in Budapest, Bremen, Berlin und anderen Orten, die sich mit den Schauplätzen seiner Protagonisten decken, ist er seit 2005 serbischer Botschafter in Wien. Seine literarische Insistenz jedenfalls hat sich ausgezahlt, ebenso wie die loyale Virtuosität seiner Übersetzerinnen, die mit seinen wohlgesetzten Sätzen mithalten können (irritierend ist lediglich, dass der Budapester Stadtteil Buda permanent in seiner serbokroatischen Form "Budim" aufscheint). Das russische Fenster mag zwar nicht Velikics bester Roman sein (dies ist und bleibt Der Fall Bremen), dafür wird er wohl sein wirkungsträchtigster werden. Die Summe seines Universums quasi. Man darf gespannt sein, was danach kommt. (Clemens Ruthner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./3.11.2008)

 

Dragan Velikic, "Das russische Fenster". Deutsch von Bärbel Schulte. € 15,40 / 400 Seiten. dtv, München 2008

Hinweis: Am 24. 11. um 19 Uhr wird im Essl Museum, An der Donau-Au 1 in Klosterneuburg, der mit 7200 Euro dotierte Mitteleuropapreis des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa an Dragan Velikiæ verliehen. Die Laudatio hält Erhard Busek.

  • "Das Vibrieren über dem, was war oder was hätte sein können": Dragan Velikic, serbischer Botschafter in Wien und preisgekrönter Autor.
    foto: dtv

    "Das Vibrieren über dem, was war oder was hätte sein können": Dragan Velikic, serbischer Botschafter in Wien und preisgekrönter Autor.

Share if you care.