Die eigentliche Krise

21. November 2008, 19:46
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In der Krise zeigt sich, wie sehr Preise durch Träume und Albträume, Manie und Depression gebildet werden - Von Leo Szemeliker

Notenbanker versuchen mit Aussichten auf eine weiterhin geregelte Zinspolitik zu beruhigen, Politiker schnüren ein Konjunkturpaket nach dem anderen, Wirtschaftswissenschafter finden die "Fundamentaldaten" teilweise nicht so schlimm - die Ereignisse an den Märkten scheinen sich aber jeglicher Rationalität zu entziehen. Beispiel Ölpreis: Vor gerade einmal fünf Monaten kostete ein Fass Erdöl 150 Dollar. Heute: 50 Dollar. Was ist dazwischen passiert? Wurde ein sagenhaftes neues Erdölfeld mit Reserven für das nächste Jahrhundert entdeckt?

Mitnichten. Das Fass Öl kostet eben immer so viel, wie der Händler zu zahlen bereit ist. Und das war im Sommer noch das Dreifache dessen, was heute geboten wird. Denn inzwischen ist beispielsweise zuvor Unsagbares ausgesprochen worden - dass die US-Autoindustrie, die Propagandisten der spritfressenden Pickup-Trucks, vor dem Zusammenbruch stünde, wenn sie nicht sofort Staatshilfe erhält. Ein bisschen Panikmache, und schon fällt der Spritpreis wieder rasant.

Es zeigt sich, wie sehr Preise durch Träume und Albträume, Manie und Depression gebildet werden. Und nicht nur durch eine auf der Realität beruhende Balance von Angebot und Nachfrage. Auch die Aktienkurse bewegen sich nicht mehr nur auf und ab, sie schlagen erratisch aus. Index-Tagesverluste (selten: -gewinne) von sieben, acht, neun Prozent sind nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel. Ein Gerücht genügt, und die Nerven werden weg- und Aktien auf den Markt geschmissen. Das grenzenlose Ausufern der Irrationalität ist derzeit die eigentliche Krise. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.11.2008)

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