Gebt der Kultur endlich ein Ministerium!

21. November 2008, 19:37
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Kulturpolitik ist für ein zukunftsorientiertes Land ein mindestens so wichtiges Politikfeld wie die Agrarpolitik - Ein Kommentar der anderen von Gerald Bast

Frankreich hat eines, Griechenland ebenso, auch Spanien und viele andere Länder weltweit: Ein eigenes Kulturministerium. Berühmte Persönlichkeiten haben als Kulturminister ihre Spuren hinterlassen: André Malraux, Mikis Theodorakis, Melina Mercouri, Jorge Semprún, Jack Lang. Kulturministerinnen und Kulturminister waren und sind - unabhängig von ihrer internationalen Bekanntheit - eine lebendige und aktive Manifestation des politischen Bekenntnisses zu Kunst und Kultur in ihren Ländern. Ein Kulturministerium ist - auch und gerade in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen - Signal dafür, dass die Gesellschaft nicht vom "shareholder value" getragen wird, sondern dass es das breite Feld der Künste war und ist, aus dem eine Gesellschaft Geschichtsbewusstsein, Identität und Innovationsfreude und Zukunftsfähigkeit erlangt.

In Österreich, das sich wie kaum ein anderes über Kunst und Kultur definiert, war es bislang nicht möglich, ein eigenes Kulturministerium zu errichten.
Jetzt wird wieder über die Bildung einer neuen Bundesregierung verhandelt, Fragenkataloge werden verteilt und umgehend beantwortet, Ressortverteilungsplanspiele werden im Schatten heftiger Dementis gespielt -, aber die Kunst kommt in all den Fragenkatalogen und Planspielen nicht vor. Ein eigenes, umfassendes Kulturministerium, zuständig für aktive, zukunftsorientierte Kulturpolitik in allen Bereichen der Künste, von der Gegenwartskunst bis zu den Museen, von Architektur bis Musik, von Literatur bis Film, vom Denkmalschutz bis zur Kreativwirtschaft, ein solches Ministerium als Zentrum kulturpolitischer Wirkungskraft wird offenbar nicht einmal diskutiert. "Politisch völlig unrealistisch!" , erklären pragmatische Politprofis in informellen Gesprächen - wenn sie es überhaupt für Wert befinden, dazu etwas zu sagen.

Warum gilt eigentlich ein Kulturministerium im Kulturstaat Österreich als völlig unrealistisch, während ein Landwirtschaftsministerium völlig selbstverständlich ist? Österreich ist seit langem kein Agrarstaat mehr und die politischen wie finanziellen Steuerungsinstrumente im Bereich der Landwirtschaft liegen zum weitaus überwiegenden Teil bei der EU. Im Gegensatz zur Agrarpolitik haben sich die EU-Mitgliedstaaten die Kulturagenden ausdrücklich als nationale Angelegenheit vorbehalten. Das fehlende Bekenntnis zu einer wirksamen Kulturpolitik kann für die EU zwar langfristig zum Problem werden, für die österreichische Kunst- und Kulturschaffenden, ja letztlich für die österreichische Gesellschaft ist es ein aktuelles Problem, wenn Kulturpolitik sowohl in Österreich als auch in der EU nur halbherzig betrieben wird.

Allein die Creative Industries tragen mit über drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts oder 25 Mrd. Euro jährlich wesentlich mehr zur österreichischen Wirtschaftsleistung bei als die Automobilindustrie oder die Landwirtschaft (zwei Prozent des BIP). Und abgesehen vom Bereich der Kreativwirtschaft leisten die Kulturschaffenden und Kunstinstitutionen in Österreich einen enormen geistigen Beitrag zur Identität, Lebensqualität und gesellschaftlichen Lebendigkeit dieses Landes, einen Beitrag, der nicht bloß in wirtschaftlicher Umwegrentabilität gemessen werden kann. Und alle, die sich damit beschäftigen, wissen wie viele Potenziale im Bereich der Künste noch weitgehend unausgeschöpft sind.
Daher, liebe Regierungsverhandler: Was in Frankreich, Spanien, Griechenland und sogar im jungen Litauen möglich ist, sollte doch auch das Kulturland Österreich zustande bringen:

Schafft endlich ein großes, umfassendes und selbstbewusstes Kulturministerium. Gebt die Kreativwirtschaft und die Auslandskultur ins Kulturministerium und gebt dem Wirtschaftsminister, wenn es denn sein muss, zum Ausgleich die Land- und Forstwirtschaft.
Denn: Kulturpolitik ist für ein zukunftsorientiertes Land in der EU ein mindestens so wichtiges Politikfeld wie die Agrarpolitik. Das muss man auch zeigen! Weil Politik nicht nur Geld, sondern auch Symbole braucht.(Gerald Bast/DER STANDARD-Printausgabe, 22. November 2008)

Gerald Bast ist Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien.

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