Ein singender Zoologe

21. November 2008, 19:23
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Simon Keenlysides umjubelter Liederabend im Wiener Konzerthaus

Wien - Zur Wiedergabe von Maurice Ravels Histoires naturelles mag keiner so qualifiziert erscheinen wie Simon Keenlyside. Der 49-jährige britische Bariton ist nicht nur auf allen großen Opernbühnen zu Hause - er kann auch auf ein abgeschlossenes Studium der Zoologie verweisen.

So ist es schlüssig, dass er Ravels Vertonungen von fünf der 70 Tierfabeln Jules Renards neben einer Auswahl aus Gabriel Faurés Liedschaffen und Robert Schumanns Dichterliebe am Donnerstag in das Programm seines bejubelten Auftritts im Mozartsaal des Konzerthauses aufgenommen hat.

Doch bei der Wiedergabe dieser vertonten Prosafabeln kommt es weniger auf die zoologische Detailkenntnis an als auf das Gefühl für die der französischen Sprache immanente Melodik, die der Komponist mit sensibler Diskretion zu feiner Ironie zu steigern weiß.

Malcolm Martineau, der Begleiter am Klavier, hat bei diesen melodischen Skizzen die Rolle des Mannes für das Grobe zu übernehmen, weil Ravel alle koloristischen Details der Begleitung überlässt. Auch bei den neun Liedern von Fauré bestach Keenlysides Sprachdeutlichkeit. Ravels und Faurés Lieder verlangten Konzentration, die nach der Pause bei Robert Schumanns Dichterliebe nicht mehr erreicht wurde.

Zwar ist Keenlysides Artikulation der Heine-Texte äußerst klar. Auch die kompositorischen Vorstöße, die Schumann zur emotionellen Erweiterung des Textes unternimmt, wurden gut fühlbar. Doch zu Beginn traten, wenn auch gut gemeisterte, Probleme in der tieferen Lage auf, und - wenn auch eine kleine Textlücke fast sympathisch wirkte und dem Jubel keinen Abbruch tat - so war es dennoch ein Hinweis darauf, dass das exklusive Programm vielleicht doch etwas zu umfangreich war. (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./3.11.2008)

  • Der britische Bariton Simon Keenlyside. 
 
 
    foto: urban


    Der britische Bariton Simon Keenlyside.

     

     

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